Das kleine Heckenbeck kam im Landeswettbewerb der Dörfer groß raus

Dieses Dorf hat Zukunft

„Die Heckenbecker haben tolle Projekte“: Die Dorfübersicht vermittelt einen Eindruck vom lebhaften Gemeinschaftsleben in dem 475 Seelen-Ort. Foto und Montage:  Wiese-Günther/nh

Heckenbeck. Das Bordell war ein Problem, und wie dieses Problem gelöst wurde, zeigt auch, wie Heckenbeck tickt. Jahrelang lag mitten in dem Ortsteil von Bad Gandersheim ein Freudenhaus, zwischen Arztpraxis und Wohnhaus.

„An die Leute war kein Rankommen“, beschreibt Ortsvorsteherin Ricarda Polzin (35) das Nebeneinander von Heckenbeckern und Rotlicht-Quartier. „Irgendwann sind die dann an uns herangetreten.“ Das Haus sollte verkauft werden. Erworben hat es „eine Person, die von anderen Privatkredite bekam“, umschreibt Polzin den Vorgang. Inzwischen wohnt eine junge Familie dort. Wo einst Freier klingelten, parken heute Bobby-Cars.

Der Bioladen

Neben Langenholtensen ist Heckenbeck das einzige Dorf im Landkreis Northeim, das heute mit 475 Menschen mehr Einwohner hat als vor zehn Jahren. Während in anderen kleinen Orten Schulen und Supermärkte schließen, verzeichnet Heckenbeck Zuzug. Das Gemeinschaftsleben hat jüngst die Jury des Wettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft“ überzeugt. In Südniedersachsen siegte Heckenbeck und nimmt nun im September am Landesentscheid teil.

Was macht dieser Ort anders? „Heckenbeck war schon immer ein aktiver Ort mit einem aktiven Vereinsleben“, sagt Ricarda Polzin. „Die Heckenbecker haben tolle Projekte“, sagt ein Mitglied der Dorfwettbewerb-Jury.

Ricarda Polzin

Polzin gehört zu den Zugezogenen, einer ökologisch-ganzheitlich orientierten Gemeinschaft von etwa 80 Erwachsenen und ebenso vielen Kindern, die sich nach und nach in dem Ort angesiedelt haben. Daneben gibt es die alteingesessenen Heckenbecker. Beide Fraktionen lassen sich schon an den Vorgärten unterscheiden: ökologischer Wildwuchs hier, akkurat gepflegter Rasen dort. „Die Toleranz ist groß“, findet Ricarda Polzin. Das sei durchaus nicht immer so gewesen, sagt ein Alteingesessener, der namentlich nicht genannt werden möchte. Nicht zuletzt die Vorbereitung für den Landeswettbewerb habe aber zu einer Annäherung geführt.

Solaranlage, Bio-Laden, Gemüse-Verein

Ein Anziehungspunkt für die Zugereisten ist die Freie Schule Heckenbeck. Ohne Unterteilung in Klassen werden über 80 Kinder bis zum Realschulabschluss unterrichtet, in Anlehnung an die Montessori-Pädagogik. Über Internetforen erführen Eltern, die nach einer solchen Schule für ihre Kinder suchten, von Heckenbeck, sagt Ricarda Polzin, die zwei fünf und sieben Jahre alte Söhne hat. Die Zugereisten kämen aus dem gesamten Bundesgebiet.

Der 475 Seelen-Ort hat ein zehn Hektar großes Neubaugebiet ausgewiesen, auf dem ockergelb getünchte Neubauten stehen neben Holz- und Strohballenhäusern. Zwei Ärzte mit Homöopathie-Schwerpunkt haben sich in Heckenbeck niedergelassen, eine Hebamme hat sich dazu gesellt. Es gibt ein Car-Sharing, einen Bio-Laden, der von einem Verein getragen wird und drei Mal pro Woche öffnet, eine Bürgersolaranlage und die „Weltbühne Heckenbeck“.

Das ist die alte Dorfkneipe, in der Musik- und Kabarettabende und auch Selbstfindungskurse stattfinden. Schräg gegenüber beherbergt eine Scheune das neueste Projekt: Getragen von einem Verein, pflegen zwei Gärtnerinnen Gemüsegärten. Die Ernte wird in der Scheune deponiert. Je nach Anteil, dürfen sich die Vereinsmitglieder bedienen. Daneben hat Heckenbeck ein klassisches Vereinsleben: Feuerwehr, Fußballverein und die Tischtennissparte, der Schützenverein „Horrido“, der einen Stall zum stattlichen Vereinshaus ausgebaut hat, das Dorfgemeinschaftshaus, das in der ehemaligen Dorfschule neben der Kirche eingerichtet wurde.

Nur allmählich überschneiden sich die beiden Szenen. Ricarda Polzin ist seit November Ortsvorsteherin, die Grünen haben sie vorgeschlagen. „Die Bedürfnisse der Alteingesessenen zu berücksichtigen, ist mir ein Anliegen“, betont die 35-Jährige. Bei den Alteingesessenen sei die Anerkennung für die neuen Projekte gewachsen, sagt der Alt-Heckenbecker: „Man akzeptiert, dass die Interessenlage der Zugereisten anders ist.“ (coe) „Unser Dorf hat Zukunft“, Besuch der Landeskommission in Heckenbeck am 20. September, 9 bis 11 Uhr.

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