Gericht verhandelt wegen 14 Straftaten

Verfolgungswahn, Sucht, Psychiatrie - Angeklagter: Der Teufel war in der Stadt

Einbeck. Die Anklageschrift ist lang. Die 14 Straftaten, die von der Staatsanwältin im Amtsgericht Einbeck akribisch vorgetragen werden, reichen von Belästigung und Bedrohung mit Körperverletzung bis zum schweren Raub.

Als letzte Straftat soll der 42-jährige Einbecker im Dezember 2017 vor seinem Dienst als Reinigungskraft in der Fleischerei eines Supermarktes mit einem 20 Zentimeter langen Messer in der Tasche dort Parfum entwendet haben - um dieses in der Umkleide zu versprühen, weil es schlecht gerochen habe.

Die Verhandlung sollte ursprünglich bereits im April stattfinden. Weil der 42-Jährige nicht erschienen war, war Haftbefehl erlassen worden, saß der Angeklagte seit Ende Mai in Untersuchungshaft in der JVA Rosdorf.

Vor einem Jahr zog der 42-Jährige an einem Sommerabend quer durch die Einbecker Innenstadt, wie Zeugen vor Gericht bestätigten. Der Angeklagte schwieg zu den Vorwürfen, ließ seinen Pflichtverteidiger erklären, er könne sich an vieles nicht erinnern.

Zunächst soll er bei seinem Nachbarn so gegen das Fenster geschlagen haben, dass dieses zersplitterte. Später soll er mit einer Herdplatte nach einem Koch geworfen, in einer anderen Gaststätte die Eingangstür demoliert und ein paar Häuser weiter ein Fenster beschädigt haben.

Zwei Tage später habe er in zwei Kirchen sein Unwesen getrieben. 

In der Einbecker Münsterkirche soll der Angeklagte vor einem Jahr die Türen weit geöffnet, die Altarkerzen angezündet und Seiten aus dem Gästebuch gerissen haben. Außerdem lag das Altarkreuz vor der Kirche auf dem Rasen, wie eine Zeugin berichtete. In der Marktkirche habe der 42-Jährige sogar eine Aufsicht an den Haaren nach draußen gezogen und auch dort die Türen weit geöffnet.

Aus ärztlicher Sicht bestehe kein Zweifel, dass der Angeklagte bei diesen Taten vor einem Jahr eine akute paranoide Psychose gehabt habe, erklärte der Sachverständige vor Gericht. Er gehe von einer aufgehobenen Schuldfähigkeit aus. Der 42-Jährige habe offenbar einen Rückfall erlitten, habe ihm gegenüber auch davon gesprochen, dass damals zunächst in seiner Wohnung und dann überall in Einbeck schädliche Substanzen vorhanden seien, er verfolgt werde und sich der Teufel der Stadt bemächtigt habe.

Daher sei der Angeklagte in den zwei Kirchen gewesen, „um dort zu lüften“, erklärte der Gutachter die Vorstellungswelt des Einbeckers. Der Angeklagte habe die Kochplatte geworfen, wenn auch nicht gezielt, weil auf der Platte giftige Substanzen hätten hergestellt werden können.

Der Sachverständige attestierte dem Angeklagten psychiotische Episoden, die erstmals 2015 aufgetreten seien und wegen derer der heute 42-Jährige auch mehrfach in Behandlung gewesen ist. Mit 25 war der Mann mit seiner Familie aus Kasachstan nach Deutschland gekommen, wurde laut Gutachter schnell heroinabhängig.

Mehrere Entgiftungen waren nicht lange von Erfolg gekrönt, später bekam der Angeklagte Methadon. Der 42-Jährige habe wegen einer paranoiden Episode stationär psychiatrisch behandelt werden müssen. Er habe nach dem Tod seiner Mutter 2015 gedacht, dass diese umgebracht worden sei und auch ihm nach dem Leben getrachtet werde. Die Episoden mit Verfolgungswahn seien offenbar zurückgekommen, möglicherweise, weil der Angeklagte Medikamente zu früh abgesetzt habe, sagte der Gutachter. Notwendig sei eine kontinuierliche psychiatrische Behandlung.

Die Verhandlung wird am Freitag fortgesetzt; dann werden die Taten aus dem Jahr 2016 zur Sprache kommen. Der Haftbefehl wurde während der Verhandlung aufgehoben. Notfalls werde am Freitag auch ohne den Angeklagten verhandelt, machte Richter Thomas Döhrel nach Abstimmung mit Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Sachverständigem deutlich. Besser wäre es jedoch mit dem 42-Jährigen. Der gelobte, vor Gericht freiwillig zu erscheinen. (zfb)

Rubriklistenbild: © picture alliance / Swen Pförtner/dpa

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