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Einbeckerin erinnert sich an die Arbeit als Chefhostess bei den Olympischen Spielen 1972

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Von: Frank Bertram

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Hella Rabbethge (Zweite von links) als Chefhostess mit drei weiteren Hostessen bei den Olympischen Spielen 1972 vor der Kulisse des Olympiaparks in München. In der Hand hält sie das Maskottchen der Spiele, den Dackel Waldi.
Hella Rabbethge (Zweite von links) als Chefhostess mit drei weiteren Hostessen bei den Olympischen Spielen 1972 vor der Kulisse des Olympiaparks in München. In der Hand hält sie das Maskottchen der Spiele, den Dackel Waldi. © BSB/Bildarchiv/Georg Fruhstorfer

Das Kapitel Olympische Spiele 1972 hatte Hella Rabbethge-Schiller aus Einbeck eigentlich abgeschlossen, alle Erinnerungen in zwei Kartons verpackt. Das hellblaue Dirndl mit weißer Schürze hängt seit Jahrzehnten im Schrank.

Einbeck - Nach 50 Jahren sitzt die Einbeckerin nun aber in ihrer Veranda und blättert in alten Zeitungsausschnitten und Fotos. „Olympia ist wieder in mein Leben getreten“, sagt sie und zeigt das Foto, das vor wenigen Monaten unvermittelt auf ihrem Handy auftauchte. Ihr Sohn hatte es ihr geschickt, als er es in Bayern in der Zeitung sah. Es zeigt die damals 21-Jährige mit drei weiteren Olympia-Hostessen vor der Kulisse des Olympiaparks in München, das Maskottchen, Stofftier-Dackel Waldi, in den Händen.

Seitdem hat Hella Rabbethge-Schiller auch in Interviews wieder über ihre Zeit als Chefhostess bei den Olympischen Spielen 1972 in München gesprochen. „Es war eine spannende Zeit“, sagt sie. Zum 50-jährigen Jubiläum in diesen Tagen gibt es besonders in der bayerischen Landeshauptstadt viele Veranstaltungen, Erinnerungsbücher erscheinen. Zur Eröffnung einer Fotoausstellung in der Staatsbibliothek war auch die Einbeckerin eingeladen und vor Ort, das Foto der vier Hostessen ziert das Titelbild des Ausstellungskatalogs. Sie hat lange in Bayern gelebt, mag München noch heute.

Schöne Erinnerungen an Olympia: Hella Rabbethge-Schiller, die heute wieder in Einbeck lebt, blättert in alten Unterlagen.
Schöne Erinnerungen an Olympia: Hella Rabbethge-Schiller, die heute wieder in Einbeck lebt, blättert in alten Unterlagen. © Frank Bertram

Die gebürtige Einbeckerin studierte damals in München auf einer Sprachen- und Dolmetscherschule und hörte 1971 davon, dass die bevorstehenden Olympischen Spiele Gastgeberinnen suchten. Sie bewarb sich mit dem Foto eines „sehr schicken Fotografen“, wie sie sagt, und hatte Erfolg.

Es folgte die Ausbildung zur Hostess: Mehrere Sprachen waren wichtig, außerdem gutes Benehmen und ein profundes geschichtliches Wissen. Bei Schulungen lernte sie, während der Führungen den Fokus lieber auf Bauten Ludwig I. als auf die Rolle Münchens im Nationalsozialismus zu lenken. Deutschland habe sich weltoffen präsentieren wollen, weiß sie noch heute.

Hella Rabbethge sprach Englisch, Französisch und Spanisch und absolvierte die Gastgeberinnen-Ausbildung. Als Studentin konnte sie das Geld von ersten Jobs im beginnenden Olympiatrubel in München gut gebrauchen, beispielsweise zeigte sie als Stadtführerin internationalen Gästen die sich sympathisch gebende „Weltstadt mit Herz“.

Schon im April 1971 hatte Hella Rabbethge ihren ersten „Pressetermin“ als Olympia-Hostess, als junge Frauen aus verschiedenen Erdteilen der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Der gebürtigen Einbeckerin kam dabei die Rolle der blonden, blauäugigen jungen Frau zu.

Im Juli 1972 begann der eigentliche Job als Chef-Hostess. Hella Rabbethge betreute mit zwei weiteren Kolleginnen und insgesamt 15 Hostessen das Internationale Olympische Komitee IOC im Hotel Vier Jahreszeiten in München. Aufgabe der Hostessen war es, die IOC-Mitglieder auf offiziellen Veranstaltungen abseits der sportlichen Ereignisse zu begleiten und darauf zu achten, dass sie sich in München wohlfühlten. Von den sportlichen Wettkämpfen habe sie sehr wenig mitbekommen, erzählt die Einbeckerin. „Ich war nur einmal im Olympiastadion“.

Am Tag des Olympia-Attentats auf die israelische Mannschaft am 5. September 1972 hatte die damalige Chefhostess frei, eilte aber sofort ins Hotel, als sie von den schrecklichen Ereignissen hörte. Und erlebte dort eine Szene, die ihr auch nach 50 Jahren noch präsent ist: Nach der IOC-Sitzung, ob die Spiele fortgesetzt werden sollten, sah Hella Rabbethge-Schiller den Chef des Organisationskomitees, Willi Daume, aus dem Sitzungssaal kommen: „Ganz gebeugt und grau im Gesicht verließ er in seiner Freizeitjacke das Hotel.“

Ein Trauerschleier legte sich fortan über die Spiele. Bei der Abschlussfeier, an der nicht mehr viele internationale Gäste teilnahmen, trug Hella Rabbethge-Schiller das Schild der Mongolei ins Stadion. Wenig später war das Kapitel Olympia für sie vorbei. (zfb)

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