Großes HNA-Erklärstück zum Thema

Bilanz nach einem Jahr: Orkan Friederike beschäftigt Südniedersachsen noch Jahre

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Hunderte Meter lange Holzstapel: Hermann Beismann, Förster der Niedersächsischen Landesforsten und Christoph Bretschneider vom Realverband der privaten Waldbesitzer Ahlshausen.

Northeim/Uslar – Der Sturm Friederike, der in den Forsten in der Region vor genau einem Jahr einen Millionenschaden verursacht hat, beschäftigt die Waldbesitzer weiterhin.

Die Aufarbeitung des Windwurfs wird in den meisten Bereichen aber noch im Januar abgeschlossen sein, wie die HNA-Recherche ergab.

Auf einer wie großen Fläche in der Region insgesamt Bäume gefallen sind, wird sich konkret wahrscheinlich nie sagen lassen. Alleine im betreuten Gebiet von Förster Hermann Beismann der Niedersächsischen Landesforsten, der unter anderem Flächen in Ahlshausen, Opperhausen, Hohnstedt sowie im Solling betreut, sind 180 Hektar komplett neu zu bepflanzen. Im Bereich des Forstservices Hofos der Familie von Oldershausen ist der Holzeinschlag einer halben Generation dem Sturm zum Opfer gefallen.

Rückblick im Video: Die Zerstörungen durch Friederike

Die Niedersächsischen Landesforsten sprechen von 1,6 Millionen Kubikmetern Sturmholz und 700 000 Kubikmetern Kalamitätsholz in Folge von Trockenheit und Borkenkäferfraß. Dieser Schaden, der insbesondere in weiten Flächen in Südniedersachsen entstanden ist, beläuft sich alleine auf rund 130 Millionen Euro.

Das Aufforsten der betroffenen Flächen hat laut der Waldbesitzer in der Region bereits im vergangenen Frühjahr dort, wo es möglich war, begonnen. Das ist allerdings aufgrund der hohen Nachfragen bei den Baumschulen und der damit verbundenen geringen Menge an Jungpflanzen eine Herausforderung. „Die Bäume müssen zu der Region und ihren künftigen Standorten passen“, betont Philip von Oldershausen. Deshalb sei es wichtig, genau nachverfolgen zu können, woher die Bäume kommen, um so die richtigen Aufforstungskonzepte erstellen zu können. Ad-Hoc-Handlungen werde es nicht geben. „Wir pflanzen die Bäume für die nächsten 100 Jahre.“ Deshalb werde das Aufforsten in der Region noch Jahre dauern.

Die Aufarbeitung dauert noch an: Die Harvester wie hier bei Ahlshausen waren das ganze Jahr über nahezu pausenlos im Einsatz.

Die stichprobenartige Abfrage der HNA bei Waldbesitzern in der Region zeigt: Fast überall sind die Schäden zwar fast beseitigt. Allerdings drohen auch schon wieder neue Probleme. 

Unklarer Holzmarkt

Bereits einen Tag nach Friederike stellte sich den Waldbesitzern die Frage: Wie sollen wir vorgehen? Soll das Holz vorerst liegen bleiben und erst später auf den Holzmarkt gehen oder direkt aufgearbeitet werden? Die Forstgenossenschaft Langenholtensen hat sich wie die meisten anderen dazu entschieden, das Holz direkt aufzuarbeiten und möglichst noch vor einem möglichen Borkenkäferbefall zu verkaufen. Laut Vorsitzendem Eckhardt Joecks war das auch der richtige Weg – 2000 Festmeter Borkenkäferstämme müssen aber dennoch in diesem Jahr auf dem ohnehin überlaufenen Markt abgesetzt werden. 

Gefährliche Arbeit: Überall sind auch heute noch Waldarbeiter im Einsatz. Sie bekommen bei Windbrucharbeiten eine Gefahrenzulage.

Ein ähnliches Bild gab es rund um Ahlshausen. Laut Förster Hermann Beismann ging die Aufarbeitung durch die Trockenheit zügig. Das war für die schweren Harvester von Vorteil. Großes Problem für alle Waldbesitzer: Die Holzpreise sind, wie vermutet, stark gefallen. Laut Beismann betrug der Preisverfall vom Start der Aufarbeitungen bis zum Frühherbst bereits 50 Prozent.

Logistische Herausforderung

Für die Aufarbeitung der Flächen war ein großer Personaleinsatz notwendig. Die „Hofos“ um Philip von Oldershausen hatte neben lokalen Unternehmen auch Maschinen und Arbeiter aus verschiedensten Bundesländern im Einsatz. Die Beschaffung von Mensch und Maschine wurde in der Region aber so schwierig, dass unter anderem in Langenholtensen Arbeiter aus Deutschland, Polen, Slowenien, Rumänien und Österreich zum Einsatz kamen. Diese haben auch laut Beismann hervorragende Arbeit geleistet. „Wir hatten keine schweren Unfälle. Ohne die rumänischen Abstocker wäre dieses enorme Aufarbeitungspensum nicht zu leisten gewesen“, so Beismann. 

Der Abtransport des Holzes, das unter anderem von Ahlshausen aus per Container bis nach China ging, war die nächste Herausforderung. So waren die Sägewerke in der Region schnell komplett ausgelastet, und der Bahnhof in Kreiensen stand wegen Bauarbeiten nicht ganzjährig zur Verfügung. „Wir brauchen Nassholzlager und Bahnhöfe, die uns im Kalamitätsfall zur Verfügung stehen“, fordert Philip von Oldershausen. Diese Einrichtungen müssen laufend unterhalten werden, um auf den Fall der Fälle vorbereitet zu sein „und sich nicht vom lokalen Markt abhängig machen zu müssen“. 

Dürre und Borkenkäfer Probleme

Während des Sommers gab es für die Waldbesitzer gleich zwei weitere Herausforderungen. Die Dürre hat die Bäume, die noch im Wald lagen und mit dem Wurzelstock noch im Boden verankert waren, entgegen den eigentlichen Hoffnungen austrocknen lassen. Damit habe sich die Qualität des Holzes verschlechtert. 

Sorgt für große Probleme bei Sturmholz und im Bestand: Der Borkenkäfer.

Ein weiterer Preisverfall ergab sich durch Borkenkäferbefall. Trocken- und Käferschäden zeigten sich bis heute an einer zunehmenden Zahl der Bäume. „Bis Ostern muss der Wald blitzeblank sein“, sagt von Oldershausen. Ab dem Frühjahr werde mit einer zunehmenden Borkenkäferaktivität gerechnet. Dessen Ausbreitung müsse man in diesem Jahr unbedingt verhindern.

Aufforstung nach klarem System

Laut Philip von Oldershausen müssen bei der Wiederaufforstung Fehler aus der Vergangenheit vermieden werden. Im Thüringer Wald beispielsweise seien zu DDR-Zeiten falsche Bäume gepflanzt worden. Dort hat man massive Probleme mit Schneebruch. 

Nach Orkan Friederike steht von Oldershausen in engem Kontakt mit den Baumschulen, die überhaupt nicht so viele Pflanzen liefern können, wie benötigt werden. „Alles, was wir jetzt machen, hat für die CO2-Bindung eine enorme Bedeutung. Das müssen wir in den Aufforstungsgedanken mit einbinden.“

Laut Förster Hermann Beismann wurden die Fichten-Bestände, die wie Dominosteine umgekippt sind, nach dem Krieg aufgeforstet worden. Durch eine breitere Palette an Bäumen für einen Mischwald soll dies künftig verhindert werden. Jetzt die bei ihm betroffenen 180 Hektar aber nur mit Laubwald aufzuforsten, wäre aber gar nicht möglich. „Wir müssen in absehbarer Zeit auch eine gewisse Rendite aus dem Wald bekommen“, so Beismann. Beispielsweise bei Douglasien könne man nach 30 Jahren ernten, bei Laubbäumen dauere dies 100 bis 150 Jahre je nach Art. Dies sei für Privatwaldbesitzer ein wichtiges Kriterium. „Allerdings brauchen wir Laubbäume als Betriebssicherheit.“ Das sind unter anderem Buchen, Bergahorn und Eichen. 

Nadelholz werde also zum Geldverdienen und zum Decken der Kosten gebraucht. Dieses sollte jedoch in gut geplanten Mischwäldern gepflanzt werden, die eben nicht so anfällig für die Wetterkapriolen sind. Fichten würden dann beispielsweise Fichten an Standorte gesetzt, die windabgewandt liegen. 

Die Herausforderung bei der Aufforstung sei außerdem der durch Maschinen verdichtete Boden, der aufgelockert werden müsse, damit Bäume wie Eichen wurzeln können. 

Außerdem bestehe die Gefahr, dass Begleitgewächs wie Brombeeren die jungen Bäume schlicht überwachsen. Das müsse man verhindern. 

Von Konstantin Mennecke

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