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Tennet will klimaneutral schalten

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Von: Olaf Weiss

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Pumpspeicherwerk Erzhausen: In direkter Nachbarschaft der vom norwegischen Unternehmen Statkraft betrieben Anlage befindet sich das Umspannwerk, über das die Höchstspannungsleitung an das Pumpspeicherwerk angebunden ist.
Pumpspeicherwerk Erzhausen: In direkter Nachbarschaft der vom norwegischen Unternehmen Statkraft betrieben Anlage befindet sich das Umspannwerk, über das die Höchstspannungsleitung an das Pumpspeicherwerk angebunden ist. © Axel Gödecke

Im Umspannwerk Erzhausen soll die weltweit erste gasisolierte metallgekapselte Schaltanlage (GIS) auf Höchstspannungsebene entstehen. Das hat Übertragungsnetzbetreiber Tennet jetzt bekannt gegeben.

Erzhausen – Die Anlage soll ohne das klimaschädliche Isoliergas Schwefelhexafluorid (SF6) auskommen und soll 2024 in Betrieb gehen. Die ist Teil der 380kV-Höchstspannungsleitung von Wahle (Landkreis Peine) nach Mecklar (Kreis Herfeld-Rotenburg) .

„Durch den Einsatz eines alternativen Gasgemisches anstelle von SF6 wird das Treibhauspotenzial des Isoliergases dieser neuen Schaltanlage nur noch rund ein Prozent von herkömmlichen Anlagen betragen“, sagte Tennet-COO Tim Meyerjürgens. COO (Chief Operating Officer) kann im Deutschen als operativer Geschäftsführer bezeichnet werden.

Das Unternehmen will nach seinen Worten stufenweise dazu übergehen, natürliche Gase zur Isolierung in neuen elektrischen Schaltanlagen einzusetzen. Ab 2025 sollen ein Drittel und 2030 bereits zwei Drittel der neu in Auftrag gegeben Schaltanlagen SF6-frei sein.

Die Herausforderungen sind laut Mitteilung von Tennet groß: Natürliche Gase seien in ihrer Isolationseigenschaft weniger leistungsstark und die Anlagen müssen größer und damit aufwendiger gebaut werden. Für einen weiteren Einsatz SF6-freier GIS müssten daher zunächst Erfahrungen in Pilotprojekten gewonnen werden, um die neuen Technologien zu erproben und zu optimieren.

Vertragsabschluss: (von links) Pascal Daleiden und Dr. Markus Heimbach von Hitachi, dem Hersteller der Schaltanlage, und Sjouke Bootsma, Georg Praehauser und Florian Martin von Tennet.
Vertragsabschluss: (von links) Pascal Daleiden und Dr. Markus Heimbach von Hitachi, dem Hersteller der Schaltanlage, und Sjouke Bootsma, Georg Praehauser und Florian Martin von Tennet. © Tennet

Pläne der EU, über eine Verordnung einen übergroßen Zeit- und Innovationsdruck auszulösen, sieht Tennet, wie auch die anderen drei deutschen Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB), mit großer Sorge. Denn die alternativen Technologien müssen dieselbe sehr hohe Zuverlässigkeit wie die derzeitige SF6-Technologie aufweisen, um weiterhin eine hohe Versorgungssicherheit zu bieten. Sie fordern einen Bestandsschutz für bereits installierte SF6-Anlagen und die Berücksichtigung von Technologiesicherheit und Marktverfügbarkeit für alle technischen Anwendungen sowie Planungssicherheit für die Energiewende. Sonst sehen die vier ÜNB (50Hertz, Amprion, Tennet und TransnetBW) ein hohes Verzögerungs- und Sicherheitsrisiko beim Ausbau der Übertragungsnetze. (Olaf Weiss)

Das Isoliergas mit dem höchsten Treibhausgaseffekt steckte früher auch in Turnschuhen und in Isolierglasscheiben

Schwefelhexafluorid (SF6) ist das stärkste bekannte Treibhausgas. Nach Angaben des Umweltbundesamtes ist das SF6-Treibhauspotenzial 23 500-mal so hoch wie das von CO2. Hinzu kommt, dass sich das Gas nur sehr langsam abbaut.

Schwer, mit hoher Dichte, ungiftig, reaktionsträge und nicht brennbar schien SF6 lange Zeit das perfekte Gas für viele Anwendungen im Hochspannungsbereich zu sein und dabei nur Vorteile zu bieten.

SF6 wurde früher auch als Isoliergas zwischen Isolierglasscheiben benutzt sowie als Füllgas in Sohlen von Sportschuhen. Doch seit 2007 sind SF6-Anwendungen in der EU verboten – mit einer Ausnahme: In der Elektroindustrie ist es weiterhin erlaubt, weil es lange alternativlos war. Dort wird es hauptsächlich in Hochspannungsanlagen verwendet, sowohl zur Isolierung als auch zur Stromunterbrechung.

Auch in Windkraftanlagen kommt es zum Einsatz. In einem Umspannwerk sind mehrere Tonnen des Gases notwendig, in einem Windrad sind es einige Kilo.

Seine klimaschädliche Wirkung entfaltet SF6 allerdings nicht im normalen Einsatz in Hochspannungsanlagen, sondern nur dann, wenn es in die Umwelt entweicht. SF6-Emissionen lassen sich nicht vollständig unterbinden, da dieses Gas in der Anwendung nicht zu 100 Prozent abgedichtet werden kann. Laut einem Bericht des ARD-Magazins Plusminus trägt die SF6-Emission in Deutschland mehr zum Treibhauseffekt bei als der gesamte innerdeutsche Flugverkehr. (ows)

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