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Christian Brückner: Eine bildkräftige Stimme

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Von: Olaf Weiss

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Verbeugung vor dem Publikum: Christian Brückner (links) und das Ensemble Elbtonal Percussion am Ende der Lesung.
Verbeugung vor dem Publikum: Christian Brückner (links) und das Ensemble Elbtonal Percussion am Ende der Lesung. © Olaf Weiss

Der Schauspieler und Synchronsprecher Christian Brückner las in der PS-Halle aus Moby Dick.

Einbeck – Eine bekannte Geschichte kann durchaus noch überraschen. Die vom Hass auf den weißen Wal befeuerte Jagd des Kapitäns Ahab auf Moby Dick, der sich, sein Walfangschiff Pequod und seine Mannschaft ins Verderben führt, ist als ein Stück Weltliteratur bekannt – nicht zuletzt durch die Verfilmung von 1956 mit Gregory Peck in der Rolle des Ahab.

Dass der Roman von Herman Melville durchaus mehr zu bieten hat, als eine tragische Abenteuergeschichte, bewies Christian Brückner bei seiner Lesung in der Einbecker PS-Halle. Die Veranstaltung war als Teil des Göttinger Literaturherbstes bereits im Oktober geplant, musste aber wegen einer Erkrankung Brückners zweimal verschoben werden und wurde nun nachgeholt.

Unterstützt von Elbtonal Percussion stellte Brückner weniger die handlungsreichen Passagen des Romans in den Mittelpunkt als die philosophischen Betrachtungen, die der Autor seiner Hauptperson, dem Seemann Ismael, in den Mund gelegt hat. Dabei geht es um Schicksal, Vorsehung und um die menschliche Existenz. „Wer ist nicht Sklave“, ist eine der Fragen, die am Sonntagabend im Raum stand, ohne erschöpfend beantwortet zu werden.

Brückner, der vor allem als Synchronsprecher unter anderem für Robert de Niro bekannt ist und dessen markante Stimme wahrscheinlich vielen vertrauter ist als sein Gesicht, stellte sich ganz in den Dienst der Geschichte. Nach einem furiosen Auftakt durch das Percussions-Quartett aus Hamburg begann er ohne Einleitung zu lesen.

Die meisten Besucher mögen wegen ihm gekommen sein, aber als Vortragender nahm er sich als Person zurück. Abgesehen von wenigen Momenten – insbesondere am Schluss der Lesung – verließ sich Brückner, der stehend las, ganz auf seine Stimme. Allein mit der Veränderung seiner Tonlage, seiner Lautstärke und der Lesegeschwindigkeit gelang es dem 79-Jährigen, bei seinen Zuhörern Bilder zu erzeugen.

Nur selten begleitete er seinen Vortrag mit großen Gesten. Meist garnierte er ihn nur mit kleinen Bewegungen seiner Hände. Erst als die Lesung, auf den Schluss zulief, es um den finalen Kampf mit dem weißen Wal geht und wie Ahab seine Mannen darauf einstimmt, untermalten die Percussionisten mit dezentem Spiel Brückners Vortrag.

Zuvor gab es bei der inklusive Pause über zweistündigen Lesung ein Wechselspiel zwischen Lesung und Percussion. Dabei stand der Inhalt des Vortrags teilweise in einem scheinbaren Widerspruch zum Spiel des Quartetts. So folgte auf die unheilvolle Beschreibung, wie Ahab zum ersten Mal auf der Brücke seines Schiffes auftaucht und sich seiner Mannschaft zeigt, von Elbtonal Percussion eine heiter klingende, von Xylophon und Vibraphon dominierte Einlage. Diesen Instrumenten entlockten die vier Musiker an diesem Abend mithilfe eines Geigenbogens auch so manchen ungewöhnlichen und schrillen Ton.

Das eindrucksvolle Spiel des Quartetts wirkte häufig, wie zufällig improvisiert und doch war deutlich zu erkennen, wie perfekt aufeinander eingespielt und abgestimmt die Vier unter anderem an Trommeln, Schellen, Becken und Gong agieren.

Die Zuschauer in der voll besetzten PS-Halle feierten Brückner und Elbtonal Percussion am Schluss eines literarisch wie musikalisch eindrucksvollen Abends mit Standing Ovations und lang anhaltendem Beifall.

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