Belastende Arbeit für die Polizisten

Kinderpornografie-Ermittlung: Polizei musste eine Million unfassbare Bilder durchforsten

Kriminalpolizistin bei der Sichtung von kinderpornografischen Dateien
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Auswertung der Dateien: Eine Kriminalpolizistin bei der Sichtung von kinderpornografischen Dateien (Symbolbild aus dem Polizeipräsidium in Gießen).

Vier Terabytes Daten haben die Ermittler der Northeimer Polizei durchforstet, um einen 50-Jährigen aus dem Solling des sexuellen Missbrauchs von Kindern in Tateinheit mit der Herstellung von kinderpornografischen Schriften zu überführen.

Northeim – Das Landgericht Göttingen hat den Mann deswegen zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. (HNA berichtete).

Fünf Monate lang waren die Mitglieder der Sonderkommission (Soko), der bis zu 20 Polizisten angehörten, mit der Auswertung der riesigen Datenmengen beschäftigt. „Wir haben jede Datei geöffnet, insgesamt waren es mehr als eine Million Bilder und Videos“, sagt Raphaela Heinemann. Die 33-jährige Polizeikommissarin war erst kurz zuvor zur Polizeiinspektion Northeim gewechselt und gleich in die Soko aufgenommen worden.

Außer kinderpornografischen Aufnahmen fanden sich auf den mehr als 40 Datenträgern auch Erwachsenenpornos und Alltagsbilder. Bei mutmaßlichen Missbrauchsaufnahmen nahmen die Beamten als erstes eine Altersschätzung vor: Sind Kinder unter 14 Jahren zu sehen, sind es Jugendliche oder Erwachsene? „Diese Kategorisierung ist wichtig, weil sich die strafrechtliche Einordnung nach dem Alter richtet“, erläutert Heinemann.

Polizeikommissarin Raphaela Heinemann

Daneben gingen die Ermittler bei der Sichtung auch anderen Fragen nach: Gibt es Hinweise auf die Identität der Opfer oder die Örtlichkeit? Wo kommen die kinderpornografischen Aufnahmen her? Hat der Tatverdächtige die Bilder selbst angefertigt oder hat er sie irgendwo bestellt oder getauscht?

Um mögliche Kontaktpersonen zu finden, durchforsteten die Fahnder den gesamten Chat- und E-Mail-Verkehr. Ergebnis: Der 50-Jährige hatte sich nicht nur in Chat-Portalen mit anderen Pädosexuellen ausgetauscht, sondern auch selbst Kinder missbraucht und davon Aufnahmen gemacht hatte.

Da der Tatverdächtige in Untersuchungshaft saß und diese in der Regel nur sechs Monate dauern darf, standen die Beamten unter massivem Zeitdruck. Heinemann: „Wir mussten möglichst schnell möglichst viele Informationen zusammentragen, um Opfer und Zeugen vernehmen zu können.“

Im Zuge der Ermittlungen war auch ein Bekannter des 50-Jährigen in Verdacht geraten, gegen den inzwischen auch Anklage erhoben wurde. Die Staatsanwaltschaft Göttingen wirft dem 42-jährigen Mann aus dem Landkreis Holzminden unter anderem schweren sexuellen Missbrauch von Kindern in elf Fällen vor. Die meisten der angeklagten Taten sollen ebenfalls in einem Ort im Solling stattgefunden haben.

Die Arbeit der Northeimer Sonderkommission hatte noch 140 weitere Ermittlungsverfahren zur Folge. 96 Verfahren seien inzwischen eingestellt worden, weil kein Täter ermittelt werden konnte, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Göttingen, Andreas Buick. In 44 Fällen habe man jedoch Tatverdächtige identifizieren können. Diese Verfahren seien bei verschiedenen Staatsanwaltschaften in ganz Deutschland anhängig. (Heidi Niemann)

Auswertung nur in Etappen möglich

Wie haben es die Ermittler ausgehalten, tagtäglich kinderpornografische Bilder auszuwerten? So etwas könne man nicht acht Stunden lang machen, sagt die Kommissarin. „Das Belastende dabei ist, dass hinter jedem Kinderporno-Verfahren ein Kindesmissbrauch steckt.“

Meistens habe sie nach zwei Stunden Bildauswertung aufgehört und andere Arbeiten erledigt, zum Beispiel Chats auswerten und Berichte schreiben.

Nicht immer gelang es den Ermittlern, die professionelle Distanz zu wahren. Einmal sei ein Kollege bei der Auswertung kreidebleich geworden, erzählt Heinemann. Der Beamte, der vor kurzem Vater geworden war, war auf Aufnahmen gestoßen, auf denen der Missbrauch eines Babys zu sehen war. Auch die Kommissarin stieß manchmal an ihre Grenzen: „Irgendwann nimmt man die Sachen mit nach Hause.“

Dank ihrer früheren beruflichen Tätigkeit als Therapeutin, bei der sie häufiger mit Kindern mit schweren neurologischen Störungen zu tun hatte, verfüge sie jedoch über eine gewisse Resilienz. Um die enorme Belastung bewältigen zu können, brauchte sie zudem ihren täglichen Sport und den Austausch mit den Kollegen. „Das ist überhaupt das Wichtigste, der Zusammenhalt unter den Kollegen.“

Trotz der Belastung seien alle Ermittler, die auf diesem speziellen Feld arbeiten, sehr motiviert: „Es ist eine sehr sinnvolle Arbeit, weil wir damit Kinder schützen.“ (pid)

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