Einfach mal Zeit zum Luftholen beim Kümmern

Gemeinsame Aktionen: Das Projekt Odem der Sixti-Schwesternstation Northeim veranstaltet Gruppentreffen mit Demenzkranken im Altenheim der Inneren Mission. Mit dabei sind die ehrenamtlichen Betreuerinnen Elke Gehrmann (2. v. r.) und Gabriela Piel (Mitte). Foto: nh

Northeim. Mit 20 Helfern startete die St.-Sixti-Gemeindeschwestern-Station in Northeim vor zehn Jahren den ehrenamtlichen Betreuerdienst für Demenzkranke.

Das Projekt mit dem bezeichnenden Namen „Odem“, der als Abkürzung für „Offensive für Demenzkranke“ aber auch für sich selbst als Synonym für Atem steht, ist eine Erfolgsgeschichte: 70 Laien-Helfer sind heute dabei. Dazu Informationen in Fragen und Antworten:

Wie ist es zur Gründung gekommen?

„Damals haben wir bei unserer täglichen Arbeit gesehen, dass pflegende Angehörige von Demenzkranken immer wieder an ihre Grenzen gestoßen sind“, erzählt Schwesternstations-Chefin Susanne Köter. Dies sei Motivation dafür gewesen, einen ehrenamtlichen Hilfsdienst auf die Beine zu stellen.

Was ist die Aufgabe der Betreuer?

Sie sollen stundenweise die Angehörigen entlasten und ihnen so die Möglichkeit geben, einmal Luft zu holen und wenigstens für ein paar Stunden in der Woche auch einmal etwas für sich selbst tun zu können, erläutert Sixti-Pastor Stefan Leonhardt.

Wie lief die Gründung vor zehn Jahren ab?

In anderen Städten hatte es solche Dienste bereits gegeben und so fuhr man unter anderem nach Hannover, um sich dort beim Diakonischen Werk zu informieren. Wenig später hatte das Sixti-Team um Susanne Köter, Koordinatorin Elisabeth Meyer sowie Anja Kahn und Regina Bauer, die später auch die Schulungen für die Ehrenamtlichen übernahmen, das Konzept erstellt und damit die Anerkennung als Betreuungsdienst beim Landesamt für Soziales, Jugend und Familie erreicht.

Wie startete das Projekt im Jahre 2005?

Los ging es mit der Schulung von 20 Helferinnen, die sich nach einem Aufruf gemeldet hatten und nach Bewerbungsgesprächen als geeignet befunden wurden, erinnert sich Susanne Köter. Später folgten weitere vier Kurse.

„Manche Patienten vergessen bei der Betreuung einfach, dass sie dement sind.“

Was wird den Ehrenamtlichen in den Kursen beigebracht?

Laut Elisabeth Meyer lernen die Teilnehmer zunächst die Krankheit Demenz näher kennen. Dann geht es konkret auch um den richtigen Umgang mit Patienten, um Beschäftigungsangebote, die Gesprächsführung mit Erkrankten aber auch mit den Angehörigen. Es geht aber auch um rechtliche Aspekte der Betreuung. Die Kurse umfassen 30 Theorie- und 20 Praktikastunden.

Welche Möglichkeiten der Unterstützung bietet „Odem“?

Für die Angehörigen von an Demenz erkrankten Menschen bietet das Projekt grundsätzlich zwei verschiedene Unterstützungs-Möglichkeiten:

• die Einzelbetreuung zu Hause oder

• Gemeinschaftsangebote in Gruppen von bis zu sechs Patienten mit mindestens zwei Betreuern.

Letztere laufen immer mittwochs von 15 bis 18 Uhr oder freitags von 10 bis 13 Uhr im Altenheim der Inneren Mission in Northeim.

Bringt die Betreuung durch die Ehrenamtlichen auch etwas für die Patienten?

Ja, sagt Koordinatorin Meyer. Viele Patienten hätten seit langem wieder einmal das Gefühl der Wertschätzung. Beim gemeinsamen Keksebacken in der Gruppenbetreuung sei eine ältere, sonst geh-unfähige Frau sogar einmal aus dem Rollstuhl heraus plötzlich aufgestanden und habe Walzer getanzt.

„Manche Patienten vergessen bei der Betreuung einfach, dass sie dement sind. Sie vergessen das Vergessen, und das ist doch toll“, ergänzt Sixti-Pastor Stefan Leonhardt.

Arbeiten die Laien-Helfer umsonst?

Nein. Sie bekommen eine kleine Aufwandsentschädigung von 7,50 Euro pro Stunde. Diese wird von den Angehörigen direkt an die Helfer bezahlt. Die Angehörigen können die Auslagen von der Pflegekasse bis zu einem Betrag von 104, bei schwereren Demenz-Krankheitsbildern auch bis 208 Euro im Monat, erstattet bekommen.

Wie viele Helfer hat das Projekt „Odem“?

Im Pool der ehrenamtlichen Helfer hat „Odem“ derzeit knapp über 70 Helfer, darunter allerdings nur zwei Männer. (Elisabeth Meyer: „Das könnten ruhig ein paar mehr werden“). Einmal im Monat treffen sich alle Helfer zum Erfahrungsaustausch.

Und um wie viele Patienten kümmern sich die Helfer?

In Northeim und den umliegenden Ortschaften werden derzeit 60 Demenzerkrankte betreut.

Gibt es denn noch freie Betreuungsplätze?

Ja. Anmeldungen nimmt die Sixti-Schwesternstation in Northeim, Borsigstraße 6, entgegen. Sie ist unter Tel. 0 55 51/91 49 80 zu erreichen.

Feier mit Gottesdienst

Die St.-Sixti-Kirchengemeinde als Trägerin des Betreuungsdienstes „Offensive für Demenzkranke“, kurz „Odem“, möchte das zehnjährige Bestehen der Einrichtung mit einem Gottesdienst am Sonntag, 25. Oktober, ab 10 Uhr in der Sixti-Kirche feiern. Dabei werden auch Angehörige und Mitarbeiter aus ihren Erfahrungen mit „Odem“ berichten.

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