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In den Kitas im Kreis Northeim fehlt Personal - Kürzung von Betreuungszeiten bald Alltag?

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Von: Axel Gödecke

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Das Kita-Personal hat alle Hände voll zu tun. Hier eine Alltags-Szene aus dem evangelischen Kindergarten in Gillersheim.
Das Kita-Personal hat alle Hände voll zu tun. Hier eine Alltags-Szene aus dem evangelischen Kindergarten in Gillersheim. © Ev. Kita Gillersheim / nh

Die Träger der Kindertagesstätten im Landkreis Northeim schlagen Alarm und klagen über Personalnot.

Northeim - Sie schließen sich damit einem Brandbrief des Diakonischen Werks Niedersachsen an die Politik an. Das Diakonische Werk hatte festgestellt, dass in 75 Prozent seiner 700 Kitas im gesamten Land Stellen unbesetzt sind. Die Folge: Etliche Einrichtungen müssen tageweise Gruppen schließen oder Betreuungszeiten kürzen.

Dies sei auch bei den 14 Kitas im Kreis Northeim, die zum Evangelischen Kindertagesstättenverband Leine-Solling gehören, immer wieder der Fall, sagt Marco Thormann, betriebswirtschaftlicher Leiter des Kita-Verbandes Leine-Solling.
In den Einrichtungen des Verbands im Kreis Northeim fehlten aktuell mindestens neun Erzieherinnen und Erzieher beziehungsweise sozialpädagogische Assistenten oder Assistentinnen. Thormann: „Und es werden demnächst noch mehr Stellenangebote eingestellt, Fachkräfte fehlen überall.“

Leider sei bei der Neufassung des Kindertagesstättengesetzes durch das Land im vorigen Jahr eine große Chance vertan worden, um für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen, „auch damit wieder mehr Menschen für den Beruf gewonnen werden können“, so Thormann.

Vergütung bereits in der Ausbildung wichtig

Dazu gehöre vor allem die Bezahlung während der Erzieher-Ausbildung. Das solle zwar ab August 2023 passieren, Sozialassistenten, die eine Ausbildung zum Erzieher draufsatteln wollen, seien jedoch davon ausgenommen worden.

Nicht angehoben wurden auch die Verfügungs- und Leitungszeiten des Kita-Personals, ergänzt Sonja Ahrens, Fachberaterin des Kita-Verbands. Diese befänden sich immer noch auf dem Stand von Anfang der 1990er-Jahre. Gefordert war zum Beispiel eine Verdoppelung der Verfügungszeiten für Vorbereitung, Elterngespräche und Dokumentation.

„Seit Jahren laufen wir sehenden Auges auf einen Abgrund zu – geändert hat sich aber wenig. Die Kita-Träger allein können es trotz aller Bemühungen nicht richten“, so Pastorin Karin Gerken-Heise als Vorsitzende des Kita-Verbands Leine-Solling.

Auch städtische Kitas suchen Fachkräfte

Nicht nur die kirchlichen Kita-Träger, auch die Stadt Northeim spürt den Personalmangel in ihren Kindertagesstätten. Sie betreibt acht Kindergärten größtenteils mit angegliederten Krippengruppen in der Kernstadt und den Ortschaften.

Positiv zu betrachten sei allerdings, dass aktuell nahezu alle Stellen im Gruppendienst besetzt seien, teilte die Stadtverwaltung auf Anfrage mit. Lediglich im Bereich einer Kita-Leitung gebe es eine Vakanz. Auch im Bereich des Vertretungspools für alle städtischen Kindertagesstätten seien freie Stellen zu verzeichnen.

Die Leitungsstelle werde im kommenden Jahr ausgeschrieben. Ansonsten, so die Stadtverwaltung, arbeite man mit einer Dauerausschreibung für Erzieherinnen und Erzieher. Dies ermögliche es, tätig zu werden, sobald Vakanzen entstehen. Ferner würden je nach Bewerber-Lage regelmäßig Bewerbungsgespräche durchgeführt. „Dieses System gibt es nun seit rund einem Jahr und es konnten gute Ergebnisse erzielt werden. Daher werden wir auch künftig so verfahren“, so die Stadt. Über dieses System seien zum Beispiel bereits neue Mitarbeitende für die künftige Kita Am Martinsgraben in der Northeimer Südstadt gewonnen worden. Dazu werde es aber auch noch eine gesonderte Ausschreibung für weiteres Personal geben.

Aufsichtspflicht nicht mehr gewährleistet

Bei den Kitas in kirchlicher Trägerschaft sucht man auch händeringend nach Fachkräften. Die Mitarbeiter des evangelischen Kita-Verbands Leine-Solling bekommen die Auswirkungen des Fachkräftemangels tagtäglich zu spüren, sagt Iris Weber, pädagogische Leitung des Kita-Verbands. Die Kita-Leitungen befürchteten, dass die frühkindliche Bildung nicht mehr gewährleistet werden kann und sich der Besuch einer Kita zu einer reinen Betreuung von Kindern entwickelt. Auch bestehe die Befürchtung, dass die Verkürzung von Betreuungszeiten unumgänglich wird, da gesetzliche Aufsichtspflichten nicht mehr gewährleistet werden können.

Die Folgen des Fachkräftemangels würden kurzfristig massive Auswirkungen auf die Gesellschaft haben, befürchtet Claudia Hennecke, Leiterin der evangelischen Kita in Gillersheim stellvertretend für die Kita-Leitungen des Verbandes. Eltern könnten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei Verkürzungen der Betreuungszeit nicht mehr gewährleisten und das Bildungsniveau der Kinder werde sich verschlechtern.

Hennecke weiter: „Wir Mitarbeitende kämpfen tagtäglich vor Ort in den Kitas gegen diese Entwicklungen an, aber dies wird auf Dauer nicht reichen, da sich durch die Ausbildung ohne Vergütung junge Menschen nicht für diesen Beruf entscheiden werden. Wir brauchen grundlegend verbesserte Rahmenbedingungen.“ (Axel Gödecke )

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