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Betreuungsverein: Albert-Schweitzer-Familienwerk schmeißt hin

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Von: Olaf Weiss

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Die Hand eines älteren Menschen und die Hände eines Jüngeren über einer Reihe von ausgebreiteten Formularen.
Wer seine Angelegenheiten nicht mehr eigenverantwortlich regeln kann, benötigt einen Betreuer. © Sina Schuldt/dpa

Der Landkreis Northeim muss 138 Personen, die unter rechtlicher Betreuung stehen, neue Betreuer suchen. Das Albert-Schweitzer-Familienwerk (ASF, Uslar) gibt seine Tätigkeit als Betreuungsverein auf.

Northeim – Grund seien die finanziellen Rahmenbedingungen der rechtlichen Betreuung, teilte das ASF zur Begründung mit. „Wir bedauern diese Entscheidung und wissen, dass wir den Klientinnen und Klienten damit viel zumuten und auch auf die Kommunen und Gerichte ein Mehr an Arbeit zukommt“, sagte Vorstand Martin Kupper, aber die Vergütung für die Betreuungen seien nicht kostendeckend.

Die Entscheidung betrifft nicht nur den Kreis Northeim, sondern auch Stadt und Kreis Göttingen. Die ASF-Betreuungsvereine betreuen nach eigenen Angaben in der Region rund 350 Menschen.

„Das Problem liegt in der degressiven Vergütungslogik der gesetzlichen Grundlage“, erklärte Kupper. Laut dem Vormünder- und Betreuungsvergütungsgesetz des Bundes nimmt die monatliche Pauschale ab, je länger eine Betreuung läuft. Nach zwei Jahren bleibt sie dann konstant.

Mit den Grundkosten eines tarifgebundenen Arbeitgebers, der Gehälter auf dem Niveau des öffentlichen Dienstes zahlt, seien die Betreuungspauschalen nicht vereinbar, so Kupper. Zumal die Masse der Betreuungen auf die niedrigste Vergütungsstufe entfalle.

Seit Übernahme der Betreuungsvereine durch das ASF 1995 sei die Finanzierung prekär. Alle gesetzlichen Neuerungen haben nach seinen Worten daran nichts verändert. Die jüngste Erhöhung der Stundenvergütungen 2019 habe nur die Hälfte des Fehlbetrages ersetzt.

„Besonders bitter ist die Entscheidung für die betroffenen Mitarbeitenden“, sagte Kupper. „Wir haben jahrelang gekämpft, um den Arbeitsdruck zu verringern.“ Nun würde er so hoch bleiben, dass die gewünschte Qualität nicht dauerhaft zu leisten sei.

Er dankte den Vereinsbetreuern, die bis an ihre Leistungsgrenze und darüber hinaus gegangen seien. Für die Beschäftigten werde nun nach anderen Arbeitsplätzen im Familienwerk gesucht.

Bis Ende Juni kommenden Jahres will das ASF die Betreuungen abgeben. Der Landkreis strebt an, die Betreuungen auf den Verein Stark – Soziale Teilhabe, Arbeit, Rehabilitation und Kooperation (Einbeck) zu übertragen, der ebenfalls ein anerkannter Betreuungsverein sei.

Im Landkreis Northeim stehen nach Auskunft der Kreisverwaltung insgesamt 2876 Personen unter rechtlicher Betreuung. Das sind etwa 2,2 Prozent der Bevölkerung – 131 800 Einwohner hat der Landkreis. Rund ein Drittel, 978 Personen, werden von Familienangehörigen rechtlich betreut. 115 Personen haben Betreuer aus ihrem sozialen Umfeld (Freundes- und Bekanntenkreis). Außerdem gibt es 84 Berufsbetreuer, die sich um die rechtlichen Belange von Betreuten kümmern. (Olaf Weiss)

Betreuungen werden nicht alle gleich bezahlt

Betreuung werden nicht einheitlich bezahlt. Ja nach seiner Ausbildung erhält ein Berufsbetreuer eine niedrigere oder höhere Bezahlung. Außerdem wird der Aufwand berücksichtigt. Lebt ein Betreuter in einer stationären Einrichtung und verfügt über kein Vermögen, erhält der Betreuer weniger als bei jemandem, der in einer Wohnung oder Haus lebt und nicht mittellos ist. Außerdem nimmt die Vergütung allmählich ab, je länger sie dauert. Nach zwei Jahren bleibt die Vergütung dann konstant. Hat der Betreute Vermögen, wird der Betreuer daraus bezahlt. Sonst bezahlt die Betreuung das Land Niedersachsen.

Beispiele: In den ersten drei Monaten beträgt die monatliche Pauschale zwischen 194 Euro und 317 Euro für einen mittellosen Betreuten in einer stationären Einrichtung. Für einen Betreuten, der selbstständig lebt und Vermögen hat, sind es zwischen 298 und 486 Euro. Nach zwei Jahren sind die monatlichen Beträge auf 62 bis 102 Euro bei einem mittellosen Betreuten in einer Einrichtung und 130 bis 211 Euro bei einem Betreuten mit Vermögen und in eigener Wohnung gesunken. ows

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