Interview zum Internationalen Frauentag

Für Gleichstellungsbeauftragte Julia Kögler braucht es zum Weltfrauentag mehr als nur Blumen

Julia Kögler ist seit 2020 Gleichstellungsbeauftragte im Landkreis Northeim.
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Julia Kögler ist seit 2020 Gleichstellungsbeauftragte im Landkreis Northeim.

Heute ist Internationaler Frauentag. Für Julia Kögler als Gleichstellungsbeauftragte im Landkreis Northeim, ist er nicht nur heute, sondern jeden Tag. Sie sieht auch auf kommunaler Ebene noch viel Arbeit.

Northeim – Julia Kögler spricht im Interview darüber, wie man dem Internationalen Frauentag mehr Gewicht verleihen könnte, über Frauen in der Kommunalpolitik und die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Rolle der Frau.

Heute ist Internationaler Frauentag. Verkommt er in seiner Bedeutung häufig zur Eintagsfliege, wie viele andere Jahrestage auch?

Ja, leider wird der Internationale Frauentag in der Öffentlichkeit häufig dazu gemacht. Viele nehmen ihn als Anlass, um Frauen Blumen zu schenken und denken, damit sei es dann getan. Und ich habe wirklich nichts gegen Blumen, aber die kann ich mir selbst kaufen und das auch an allen anderen 364 Tagen. Für alle, die sich mit Gleichstellung beschäftigen, ist es natürlich ein wichtiger Tag, für dessen Bedeutung wir aber auch außerhalb des Tages viel Arbeit investieren.

Wie könnte man diesen Tag wirkungsvoller gestalten?

Zunächst ist wichtig, dass Gleichstellung ein Verfassungsauftrag ist. Der ist nicht einmal im Jahr in 24 Stunden erledigt. Ich würde mir aber für den Tag jedes Jahr ein Fokusthema wünschen, das verdeutlicht, wo man dringend noch anpacken sollte. So könnte man dem Ganzen noch mehr Bedeutung geben.

Welches Thema wäre dieses Jahr passend gewesen?

Dieses Jahr hätte ich mir die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Gleichberechtigung gut vorstellen können. Frauen werden seit Beginn der Pandemie wieder vermehrt in veraltete Rollenbilder zurückgeworfen. Es wird als selbstverständlich angesehen, dass Frauen sich in den meisten Fällen um die Kinder im Homeschooling kümmern, aber weiterhin den Haushalt schmeißen und in vielen Fällen trotzdem auch noch Arbeiten gehen. Denn in Deutschland werden etwa 80 Prozent der systemrelevanten Berufe in Kliniken, Pflegeheimen und Supermärkten von Frauen ausgeübt. Häufig als Geringverdienerinnen und Minijobberinnen. Frauen leisten viel unbezahlte Arbeit, und die, die sie bezahlt bekommen, wird selten gerecht entlohnt.

Um daran nachhaltig etwas zu ändern, hört man häufig den Appell, dass mehr Frauen in der Politik aktiv werden sollen. Wieso ist das, auch auf kommunaler Ebene im Landkreis Northeim, bisher noch nicht passiert?

Zunächst einmal die schon erwähnte Überbelastung vieler Frauen, die keine Zeit für ein politisches Ehrenamt zulässt, was Politik auf kommunaler Ebene ist. Die späten Uhrzeiten von Ausschusssitzungen sind ebenfalls nicht hilfreich, da die Betreuung des Kindes natürlich Priorität hat. Da geht der Landkreis Northeim mit Sitzung zur Nachmittagszeit mit gutem Beispiel voran. Außerdem werden Frauen in der Politik häufig wesentlich genauer unter die Lupe genommen und es geht, überspitzt gesagt, weniger um die Dinge, die sie sagt, sondern die Klamotten, die sie trägt. Trotzdem kann ich Frauen nur ermutigen, sich politisch zu engagieren, um die Zukunft der Gesellschaft in die eigenen Hände zu nehmen.

Wo liegen denn aktuell die Frauenquoten im Northeimer Kreistag und den Stadt- und Gemeinderäten?

Im Kreistag liegt der Frauenanteil bei 27 Prozent, in den Gemeinden und den Stadträten im Schnitt bei 22 Prozent. Wichtig ist dabei immer im Blick zu behalten, dass sich der Wunsch nach einer Frauenquote nicht gegen Männer richtet. Es soll gemeinsam dafür gesorgt werden, dass auch die Sichtweisen und Erfahrungen von Frauen in die Entscheidungsprozesse mit eingebunden werden. Und das ist am besten bei einer Gleichverteilung der Geschlechter in politischen Gremien möglich.

Welches eine Ziel, abseits einer Frauenquote, würden Sie formulieren, um eine Gleichberechtigung der Geschlechter herzustellen?

Ich fände es einen wichtigen Schritt, wenn bei der Familiengründung nicht nur ein Elternteil allein für die Kinderbetreuung zuständig ist. Das fällt häufig allein in die Hände der Frauen. Die Arbeit sollte viel mehr auf den Schultern beider Eltern gleichermaßen verteilt werden. Wenn beide auf eine 75-Prozent-Arbeitsstelle reduzieren, können auch beide gleichermaßen weiter ihrem Job nachgehen und die Erziehung des Kindes übernehmen. Frauen wirft der alleinige Erziehungsauftrag trotz sehr guter Qualifikationen häufig in ihrer Karriereplanung zurück.

Abschließend, was machen Sie heute, am Internationalen Frauentag?

Ich gehe morgens zur Arbeit und am frühen Abend ist auch eine Sitzung vom Kreisausschuss. Also ein ganz normaler Arbeitstag.

Julia Kögler (38) ist seit Januar 2020 Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Northeim. Sie hat an der Uni in Hildesheim ihren Magister in Philosophie, Politikwissenschaft, Literatur- und Medienwissenschaften erlangt. Kögler kommt gebürtig aus Baden-Württemberg, aktuell lebt sie in Hildesheim. (William Abu El-Qumssan)

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