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Kaum Chancen für Windkraftanlagen auf kahlen Waldflächen

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Von: Olaf Weiss

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Waldfläche bei Kalefeld, auf der  infolge von Sturm und Trockenheit keine Bäume mehr stehen.
Auf solchen Waldflächen, wo wie hier bei Kalefeld infolge von Sturm und Trockenheit keine Bäume mehr stehen, möchten Waldbesitzer Windkraftanlagen errichten. Weil sie weiterhin als Vorranggebiet Wald ausgewiesen ist, soll das aber auf dieser Fläche auch künftig nicht möglich sein. © Hubert Jelinek

Northeim/Hannover – Windkraftanlagen sollen künftig auch auf Waldflächen errichtet werden können, auf denen infolge von Sturmschäden und trockenen Sommern kein Baum mehr steht. Das hat der Sprecher des niedersächsischen Umweltministeriums, Christian Budde, auf Anfrage der HNA mitgeteilt.

Northeim/Hannover – Nach seinen Worten wird in Hannover an der Abkehr vom bisherigen strikten Ausschluss gearbeitet, Windkraftanlagen in Waldgebieten zu errichten. „Wir brauchen eine behutsame, aber konsequente Öffnung von Waldflächen“, sagte er. Im neuen Landesraumordnungsprogramm (LROP), das noch vor dem Sommer vom Niedersächsischen Landtag beschlossen werden soll, seien sogenannte „historisch alte Wälder“ nicht mehr als „harte Tabuzonen“ enthalten, in denen der Bau von Windkraftanlagen grundsätzlich ausgeschlossen ist.

Waldbesitzer, die seit Langem fordern, in Wäldern Windkraftanlagen errichten zu dürfen, trauen der Landesregierung nicht: „Man kann sich des Eindruckes kaum erwehren, dass in Hannover gewisse Pharisäer des Naturschutzes jene behutsame Öffnung des Waldes, wie sie vor etwa zwei Jahren am runden Tisch von Ministerpräsident Weil zwischen sehr unterschiedlichen Interessenvertretern verabredet wurde, in Wahrheit weiterhin mit aller Macht und bürokratischen Winkelzügen verhindern wollen“, kritisiert Waldbesitzer Christian von Plate Stralenheim (Imbshausen).

Christian von Plate-Stralenheim
Christian von Plate-Stralenheim © Hubeert Jelinek

Auch im Kreishaus glaubt man nicht, dass im Landkreis Northeim demnächst auf vielen kahlen Waldflächen Windräder errichtet werden können. Die Kreisverwaltung verweist darauf, dass im LROP-Entwurf historische Waldstandorte als „Vorranggebiete Wald“ auftauchen. Dort soll der Bau von Windenergieanlagen ausgeschlossen sein. Im Kreisgebiet seien mit 340 Quadratkilometer 70 Prozent der Waldfläche im LROP entsprechend ausgewiesen, sodass nur wenige Standorte für die Windenergienutzung infrage kämen. Nach HNA-Informationen gehören zahlreiche Windbruchflächen zu den Wald-Vorranggebieten und scheiden somit für Windkraftanlagen aus.

Für Windräder soll kein Baum weichen

In Hessen, Thüringen und Sachsen-Anhalt ist der Bau von Windkraftanlagen in Wäldern erlaubt. In Fragen und Antworten hier Erläuterungen zu den entsprechenden Möglichkeiten in Niedersachsen, speziell im Landkreis Northeim.

Warum war bisher der Bau von Windkraftanlagen in Wäldern in Niedersachsen generell ausgeschlossen?

Das Land wollte bisher Waldflächen wegen ihrer Bedeutung für die die Bindung von Kohlendioxid schützen. Diese Funktion hat nicht nur das wachsende Holz, sondern auch der Waldboden.

Ist der Kurswechsel der Landesregierung auf den Ukraine-Krieg und das damit verbundene Streben, Deutschland unabhängiger von fossilen Brennstoffen aus Russland zu machen, zurückzuführen?

Nein. Bereits vor zwei Jahren hat es zum Thema „Behutsame Öffnung der Wälder für Windkraftanlagen“ einen Runden Tisch von Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) mit verschiedenen Interessenvertretern gegeben. Die Forderung, Waldflächen, auf denen durch Sturm und Trockenheit keine Bäume mehr stehen, für den Bau von Windkraftanlagen freizugeben, hat auch die FDP aus der Opposition heraus seit Jahren erhoben. Das Thema hat nun allerdings zusätzlichen Drive bekommen, wie der Sprecher des Umweltministeriums, Christian Budde, sagt.

Windkraftanlagen auf einer kahlen Waldfläche: Was im nordhessischen Kaufunger Wald schon möglich ist, wünschen sich Waldbesitzer auch im Landkreis Northeim.
Windkraftanlagen auf einer kahlen Waldfläche: Was im nordhessischen Kaufunger Wald schon möglich ist, wünschen sich Waldbesitzer auch im Landkreis Northeim. © Brauneis

Auf welchen Waldflächen wollen Waldbesitzer Windkraftanlagen bauen?

Waldbesitzer wollen nur auf sogenannten Kalamitätsflächen, wo kein Baum mehr steht, Windräder errichten. Bäume zu fällen, um Platz für Windkraftanlagen zu machen, ist nicht geplant. Es handelt sich vor allem um Flächen in windexponierten Höhenlagen, wo Sturm Friederike 2018 Totalschaden angerichtet hat.

Mit den Forstwegen sind Zufahrten weitgehend vorhanden. Außerdem würde damit die gesetzlich vorgeschriebene Wiederaufforstung und vor allem die jahrzehntelange kostspielige Bestandspflege oftmals finanziell erst ermöglicht. Im Umweltministerium in Hannover hat man damit nur theoretisch kein Problem: „Das Ansinnen ist genau das Richtige“, sagt zwar der Sprecher des Umweltministeriums, Christian Budde. Diese geschädigten Standorte böten sich für Windkraftanlagen an.

Eine Karte mit den Wald-Vorranggebieten, in denen der Bau von Windkraftanlagen nicht erlaubt sein soll, zeigt aber, dass auch viele Kalamitätsflächen weiter als Wald-Vorranggebiet gelten.

Werden dafür geplante Vorranggebiete für Windkraft im Landkreis Northeim überflüssig?

Die bisher geplanten Windvorranggebiete im Landkreis Northeim umfassen rund ein Prozent der Landkreisfläche. Der vom Land vorgegebene Zielwert liegt bei zwei Prozent der Fläche. Dieser war im Landkreis Northeim bisher nicht zu erreichen, weil er so waldreich ist. 40 Prozent der Fläche gelten als bewaldet. Deshalb ist zunächst zu erwarten, dass auch bei einer Freigabe von Kahlschlagflächen im Wald keine anderen Flächen den Status als Vorranggebiete verlieren. Allerdings dürften die freigegeben Flächen, bei denen die Sturmschäden ja eindrucksvoll bewiesen haben, dass es windexponierte Standorte sind, deutlich attraktiver sein als andere Standorte beispielsweise im Windschatten von Höhenlagen. Auch ist bei den Waldflächen mit weniger Widerstand und Klageverfahren zu rechnen, weil sie größeren Abstand zur Wohnbebauung haben.

Die Nähe von Horsten des Rotmilans ist eines der stärksten Argumente, um das Aufstellen einer Windkraftanlage zu verhindern. Sind damit nicht auch viele ehemalige Waldflächen als Windkraft-Standort ausgeschieden?

Nein, sagen die Waldbesitzer. „Beutegreifer, wie der Rote Milan oder Schwarzstörche bevorzugen nun mal offene, gut einsehbare Reviere zur Brut und Nahrungssuche und werden kaum über undurchdringlichen Brombeerwüsten von Aufforstungsflächen kreisen“, sagt Waldbesitzer Christian von Plate Stralenheim (Olaf Weiss)

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