Ein besonderer Schatz in der Klosterkirche

Glocke aus Pommern strandete nach Zweitem Weltkrieg in Fredelsloh

Fredelsloh. Hinter den Gerüstplanen, hoch oben im Südturm der Klosterkirche Fredelsloh verbirgt sich ein besonderer Schatz - und ein weitgereister noch dazu. Hier hängt eine Kirchenglocke, die einst für eine Kirchengemeinde in Pommern gegossen wurde und durch die Kriegswirren nach Südniedersachsen geraten ist. Wie lesen Sie hier.

Aktualisiert um 15.40 Uhr

Wie die Inschrift auf der Glocke verrät, wurde sie 1736 von der Glockengiesserei Scheel in Stettin hergestellt und zwar für den kleinen, rund 50 Kilometer entfernten Ort Parlin in Hinterpommern, der heute in Polen liegt und Parlino heißt. Wer den Auftrag dafür gab oder sich dafür einsetzte, ist unklar. Vielleicht war es der Pastor Christian Jonas Werckmeister, dessen Name prominent auf der Glocke vermerkt ist. Laut der Inschrift stammte er aus dem pommerschen Schönfließ (heute Trzcinsko Zdrój) in der Neumarkt und war zum Zeitpunkt des Glockengusses Pastor von Parlin und dem Nachbarort Lentz (heute Leczyca).

Fest steht, dass die Glocke wegen ihres Bronzegehalts im Zweiten Weltkrieg für Rüstungszwecke eingeschmolzen werden sollte, schreibt der frühere Pastor Fritz Both in seiner Chronik „850 Jahre Fredelsloh“ aus dem Jahr 1982. Die Glocke wurde dazu nach Hamburg transportiert, entkam aber ihrem Schicksal, vielleicht wegen ihres Alters und ihres hohen künstlerischen Wertes, wie Bothe vermutet. Bei Kriegsende lagerte sie mit tausenden weiteren, noch nicht eingeschmolzenen Glocken in Hamburg auf dem so genannten „Glockenfriedhof“. Wie viele Glocken aus den ehemaligen deutschen und nun polnischen Gebieten wurde sie nicht in ihren Heimatort zurückgebracht. Auch die Kirchengemeinde in Fredelsloh musste im Krieg eine Glocke aus der Klosterkirche zum Einschmelzen abliefern. Erst 1952 sorgte der damalige Landessuperintendent Franz Wiebe (Northeim) für Ersatz: Die Glocke aus Parlin wurde vom Glockenfriedhof in die Klosterkirche gebracht. Sie ist auf den Ton h’ gestimmt und mit einer kunstvollen Beschriftung, Putten und Ornamenten verziert. Selbst die Aufhängung ist mit stilisierten Köpfen dekoriert. Wer ganz genau hinsieht, entdeckt neben einem symbolischen Gottesauge auch eine hebräische Inschrift, die der Fredelsloher Pastor Peter Büttner als „Jahwe“, also als den Namen Gottes entziffert.

Die 278 Jahre alte und 300 Kilo schwere pommersche Glocke versieht auch heute noch ihren Dienst als Tauf- und Stundenglocke. Ab Sonntag, 18. Mai, bekommt sie allerdings ein halbes Jahr Urlaub: Wegen der Sanierungsarbeiten an der Klosterkirche muss das Geläut bis November abgeschaltet werden, kündigt Büttner an. Nur zur Stunde werde die Glocke kurz angeschlagen. Durch die Schwingungen der Glocken beim Läuten bewege sich der Turm leicht, das könne für Haarrisse im frischen Mörtel sorgen, so Büttner. Außerdem würde es den Austausch von einzelnen Steine an der Nordseite des Südturms gefährden. Sie müssen ausgetauscht werden, weil sich eine Beule gebildet habe. Dafür bekam der Turm ein Korsett aus Holz und Spanngurten zur Stabilisierung. Am Sonntag, 18. Mai, wird das Geläut im Gottesdienst zum vorerst letzten Mal zu hören sein. Ab 15 Uhr ist die Landespastorin für die Posaunenchorarbeit, Marianne Gorka, in der Klosterkirche zu Gast. Musikalisch umrahmt wird ihre Predigt vom Posaunenchor Fredelsloh, sagt Pastor Peter Büttner. „Am Ende des Gottesdienstes werden die Glocken zum Abschied noch einmal fünf Minuten läuten.“

Von Friederike Steensen

Glocke aus Pommern in Klosterkirche Fredelsloh

Glocke aus Pommern in Klosterkirche Fredelsloh
Glocke aus Pommern in Klosterkirche Fredelsloh © Steensen
Glocke aus Pommern in Klosterkirche Fredelsloh
Glocke aus Pommern in Klosterkirche Fredelsloh © Steensen
Glocke aus Pommern in Klosterkirche Fredelsloh
Glocke aus Pommern in Klosterkirche Fredelsloh © Steensen
Glocke aus Pommern in Klosterkirche Fredelsloh
Glocke aus Pommern in Klosterkirche Fredelsloh © Steensen
Glocke aus Pommern in Klosterkirche Fredelsloh
Glocke aus Pommern in Klosterkirche Fredelsloh © Steensen
Glocke aus Pommern in Klosterkirche Fredelsloh
Glocke aus Pommern in Klosterkirche Fredelsloh © Steensen
Glocke aus Pommern in Klosterkirche Fredelsloh
Glocke aus Pommern in Klosterkirche Fredelsloh © Steensen
Glocke aus Pommern in Klosterkirche Fredelsloh
Glocke aus Pommern in Klosterkirche Fredelsloh © Steensen
Glocke aus Pommern in Klosterkirche Fredelsloh
Glocke aus Pommern in Klosterkirche Fredelsloh © Steensen

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