Kritik an Forstwirtschaft

Naturschutzbeauftragter fordert Einschlagstopp für alte Bäume im Kreis Northeim

Baumveteranen wie diese alte Esche sollten nach Einschätzung des Naturschutzbeauftragten Gert Habermann, nicht mehr zur Holzgewinnung gefällt werden.
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Baumveteranen wie diese alte Esche sollten nach Einschätzung des Naturschutzbeauftragten Gert Habermann, nicht mehr zur Holzgewinnung gefällt werden.

Die Öffentlichkeit und die Naturschutzverbände sollten bei der Gestaltung der öffentlichen Wälder mehr Mitbestimmung bekommen.

Northeim – Diese Forderung hat jetzt der Naturschutzbeauftragte des Landkreises Northeim, Gert Habermann erhoben.

Dass in Privatwäldern, die durch Sturmschäden und Käferbefall wirtschaftlich stark getroffen sind, zurzeit verstärkt alte, ökologisch wertvolle Bäume gefällt werden, sei verständlich, so der pensionierte Forstbeamte. Das gelte aber nicht für den öffentlichen Bürgerwald, der vorrangig dem Gemeinwohl zu dienen habe.

Wie selten und kostbar solche alten Bäume seien, könne man daran sehen, dass die diesjährigen Holzversteigerungen („Submissionen“) in den südniedersächsischen Forstämtern einen Durchschnittspreis von rund 650 Euro je Kubikmeter Eichenwertholz ergeben hätten.

Der ökologische Wert solcher alten Bäume liege weit über dem erzielten Holzerlös, sagt Habermann und verweist darauf, dass Naturschutzverbände, namhafte Waldökologen und unabhängige Forstwirtschaftler daher einen sofortigen Einschlagstopp für über 180 Jahr alte Bäume und Baumbestände gefordert hätten.

Habermann wirft der „Holzlobby“ vor, gezielt und öffentlichkeitswirksam der gesetzlich verpflichtenden Gleichrangigkeit der Waldfunktionen hinsichtlich ihrer Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion zu widersprechen und vorrangig auch die öffentlichen Wälder ausschließlich als Holzproduktionsstätten zu verstehen.

Um das einer überwiegend waldschätzenden Bevölkerung zu verkaufen, werde verbreitet, dass der Wirtschaftswald artenreicher als der Naturwald sei, so Habermann. Als Begründung dafür würden vergleichende Untersuchungen von Naturwald-Parzellen, die erst seit ein paar Jahren aus der Bewirtschaftung herausgenommen wurden, herangezogen. Dabei sei hinlänglich bekannt, dass diese „Urwälder der Zukunft“ erst in etlichen Jahrzehnten ihr volles Artenspektrum entfalten können.

Nach Einschätzung Habermanns wirtschaften die Forstverwaltungen und Landesforsten mit ihren, der konventionellen Landwirtschaft ähnlichen Rentabilitätsprinzipien zu einem großen Teil gegen die Nachhaltigkeitsgrundlagen, wobei maximale Reinerträge je Fläche und effizienter Einsatz von Großtechnik die vorrangigen Strategien seien. „Es ist dringend ein Wechsel der Denkansätze hin zu ökologischen Zielsetzungen zu fordern“, so Habermann. Ziele sollten sehr lange Produktionszeiten, hohe Alt- und Totholzanteile, das Zulassen natürlicher Prozesse sowie gemischte, mehrstufige, naturnahe und artenreiche Wälder sein.

Aus Sicht des Moringer Stadtförsters Jonas Fürchtenicht, der auch für den Northeimer Stadtwald zuständig ist, sind die von Habermann genannten Ziele bereits Grundlage der modernen Forstwirtschaft. Vom Prinzip des Altersklassenwaldes mit großen Kahlschlägen und anschließender Wiederaufforstung habe man sich inzwischen verabschiedet. Das von Habermann geforderte Umdenken habe somit schon längst stattgefunden.

„In dem wir nur einige wenige große Bäume ernten, deren Holz gut zu vermarkten ist, ahmen wir genau das nach, was in einem Naturwald passiert“, sagt Fürchtenicht. „Wir schaffen Lücken, die von jungen Bäumen nach und nach wieder besetzt werden.“ Im Übrigen sei zu bedenken, dass öffentliche Wälder auch Kosten verursachen, die durch den Verkauf von Holz gedeckt werden können.

Auch Michael Rudolph, Pressesprecher der Niedersächsischen Landesforsten sieht die Forderung Habermanns kritisch. Das Alter eines Baumes zum alleinigen Kriterium dafür zu machen, ob ein Baum gefällt wird oder nicht, hält er für nicht zielführend. Rudolph weist darauf hin, dass es einen Bedarf an Holz gebe und die Forstwirtschaft ausdrücklich den gesetzlichen Auftrage habe, die Bevölkerung mit diesem wertvollen Rohstoff ausreichend zu versorgen.

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