STOLPERSTEINE DES GLAUBENS Predigtreihe beschäftigt sich mit dem Thema Gesundheit

„Gesundheit ist nicht nur körperliches Wohlbefinden“

Pastor Nicolas bei der Predigt in der Kirche Ellierode
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Pastor Nicolas Buschatzky geht in seiner Predigt der Frage nach, was eine Dorfkirche zur Gesundheit der Menschen beitragen kann.

Das Thema Gesundheit steht bei der Predigtreihe „Stolpersteine des Glaubens“ im Mittelpunkt

Ellierode/Hettensen – Seit 2010 beschäftigt sich die Kirchengemeinde Ellierode-Hettensen jeweils im Januar mit kritischen Fragen zum Christlichen Glauben. Das Thema der diesjährigen Predigtreihe ist die Gesundheit. Aufgrund der Corona-Pandemie werden die entsprechenden Gottesdienste als Videos angeboten, die über die Homepage der Gemeinde unter kirche-ellierode-hettensen.de zu erreichen sind.

Abrufbar ist bereits die Predigt von Pastor Nicolas Buschatzky, der im vergangenen Jahr die Gemeinde Ellierode-Hettensen übernommen hat, mit einer Ärztin verheiratet ist und die Frage stellt: „Was kann eine Dorfkirche schon zur Gesundheit der Menschen beitragen?“ Auch der Beitrag der Theologin, Religionspädagogin und Buchautorin Dr. Martina Steinkühler mit dem Titel „Hauptsache gesund?“ ist schon fertig. Es folgen an diesem und dem kommenden Sonntag die Themen „Heilung als Zeichen der Herrschaft Gottes“ von Pastor Klaus Dettke, der viele Jahre Leiter des Geistlichen Zentrums Kloster Bursfelde war, und “Hilft Beten?“ von Pastorin Christiane Möhle, die als Krankenhausseelsorgerin der Universitätsmedizin Göttingen tätig ist. Wir haben uns mit allen vier Theologen unterhalten.

Wie bekommt man als Theologe das Leiden kranker Menschen mit einem Glauben an einen allmächtigen guten Gott, der alle Menschen liebt, unter einen Hut?

Pastor Klaus Dettke stellt das Thema Heilung in den Mittelpunkt seiner Predigt.

Klaus Dettke: Der christliche Glaube spannt einen weiten Bogen mit dem Vertrauen auf einen gütigen, liebenden und allmächtigen Gott. Die Grenzen, an die wir mit Leid, Krankheiten und Tod stoßen, können uns die Weite des von Gott zugesagten Lebenshorizontes entdecken lassen. Nicht mit einer theoretischen Erklärung, sondern mit Blick auf Jesus. Von ihm heißt es: Er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.

Dr. Martina Steinkühler: Für mich ist der Satz „Gott liebt alle Menschen“ entscheidend in dem, was er nicht verspricht.

Und das wäre?

Steinkühler: Dass Gott für mich mein Leben führt, eines wie Kinder es erträumen: ohne Schmerzen, ohne Verluste, ohne Mängel, Schuld und Tod. Denn so ist das Leben nicht.

Aber wäre es denn nicht schön, wenn es so wäre, wie Kinder es sich wünschen? Ein allmächtiger Gott müsste doch in der Lage sein, das so zu regeln.

Steinkühler: Aber das ist ja – leider Gottes – der Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Alle Lebenserfahrung spricht dagegen, dass „einer schon alles regeln wird“ – es sei denn, und das lehrt die Bibel: auf Hoffnung hin.

Dettke: Gott ist nach biblischem Verständnis kein Zauberer, der vor allem Leid und Grenzerfahrungen bewahrt. Oft entdecken Menschen an den Grenzen von Leid, Verlusten und Tod das Geheimnis, das wir Gott nennen.“

Herr Buschatzky, Sie beschäftigen sich in Ihrer Predigt mit der Frage, was eine Dorfkirche zur Gesundheit der Menschen beitragen kann. Wie lautet Ihre Antwort?

Nicolas Buschatzky: Kirche kann einen wichtigen Beitrag zur Gesundheit der Menschen leisten, denn Gesundheit ist mehr als nur das körperliche Wohlbefinden.

Sie meinen das seelische Wohlbefinden.

Buschatzky: Ja. Zum Gesundsein gehört es auch, dass wir in harmonischen Beziehungen leben – sei es zu den Mitmenschen, zu Gott und zu sich selbst. Kirche kann soziale Netze bereitstellen, die wichtig für Kranke sind. Aber sie kann Menschen auch durch Gebete oder einen Segen geistlich begleiten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass solche Angebote gerne angenommen werden, wenn von ihnen keine Wunder erwartet werden. Sie öffnen dann den Raum für Halt, Trost, Kraft, Stärkung und Lebensmut.

Dass eine seelsorgerische Betreuung von Kranken heilende Wirkung entfalten kann, ist unbestritten. Das gilt auch für das Beten. Gibt es eine theologische Erklärung dafür?

Steinkühler: Viele Geschichten von Jesus erklären das nicht theologisch, sondern narrativ, also in erzählender Form. In ihnen heilt Jesus, indem er Menschen begegnet, sie wahrnimmt, indem er sie hört, anschaut, indem er sieht, was ihnen fehlt und fragt, was ihnen fehlt. So etwas vertreibt nicht jede Krankheit, aber es heilt. Und das ist für mich ein Unterschied.

Christiane Möhle: Das aufrichtige Beten ist immer eine Hinwendung zu Gott, es ist wie ein Nach-Hause-Kommen, ein An- und Aufgenommenwerden wie ein geliebtes Kind, denn Gott und die Menschen sind durch das Band der Liebe miteinander verbunden. Es ist eine besondere Form der Konzentration und der Hingabe, miteinander zu beten und sich dabei der Nähe von Jesus Christus gewiss zu sein. Ein Gebet verhallt nie im luftleeren Raum.

Hilft Beten auch, wenn für jemanden gebetet wird, der davon nichts weiß?

Möhle: Die Menschheit hat noch keinen Betdoktor erfunden. Das wäre vielleicht einmal ganz lobenswert. Aber Spaß bei Seite, das Beten für andere, die sogenannte Fürbitte, ist zum Beispiel Bestandteil in jedem Gottesdienst.

Und hilft denen, die Hilfe brauchen?

Möhle: Die Fürbitte verbindet uns Menschen weltweit miteinander. Es ist unser tiefes Vertrauen, dass es hilft, für andere zu beten.

Der Placebo-Effekt spielt in der Schulmedizin und in der Homöopathie eine große Rolle. Kann man den Glauben in diesem Zusammenhang auch als Placebo bezeichnen?

Steinkühler: Ich würde lieber von Selbstheilungskräften der Seele sprechen, denn wie sehr kann es meine Seele stärken, wenn ich das Leben mit freundlichen Augen anschaue und Gutes von ihm erwarte! Wenn ich glaube, dass keine Geschichte zu Ende ist, bevor sie nicht ein gutes Ende gefunden hat! Und das, würde ich sagen, macht der Glaube.

Dettke: Placebos gehen von Selbstheilungskräften eines Menschen aus. Deswegen fragt Jesus einen Gelähmten, der über seine Hilflosigkeit klagt, ob er gesund werden will. Mit Placebos wird unsere Fähigkeit, zu vertrauen, angesprochen, sie enthalten keinen Wirkstoff. Christlicher Glaube lädt zum Vertrauen in die göttliche Wirklichkeit ein, die in Jesus Christus ein reales Gegenüber, ein ansprechbares Du ist. Er ist der „wirk“-liche und wirksame Grund für Glauben und Hoffnung.

Beruht das Heilen auf dem Willen Gottes? Und wenn ja, sind dann Krankheiten auch der Wille Gottes?

Dr. Martina Steinkühler fragt ob der Spruch „Hauptsache gesund“ wirklich gilt.

Steinkühler: Ich mag die Rede vom Willen Gottes nicht. Woher soll ich wissen, woher sollte irgendjemand wissen –- und sei er auch Paulus, Martin Luther oder der Papst –, was Gottes Wille ist? Was wir haben, sind Geschichten, in denen Gott den Kleinen und Schwachen ruft und erhört und aufrichtet und zur Geltung bringt. Und es ist an uns, daraus Kraft zu schöpfen oder nicht. Von Gottes Willen kann ich nur glauben, dass er dem Leben dient. Genaueres nicht.

Dettke: Gott will Heilung, nach dem Motto: Ich bin der Herr, dein Arzt. Aber dabei geht es nicht nur um körperliche und seelische Gesundung. Nicht nur um Heilung unserer Krankheiten vor dem Tod.

Sondern?

Dettke: Gott will Leben. Er sehnt sich nach uns und sucht eine heilsame Beziehung zu uns, die über den Tod hinaus reicht.

Aber wenn das ewige Leben der Menschen das Ziel Gottes ist, ergibt sich doch die Frage: Warum erspart er ihnen dann nicht gleich das endliche Leben auf der Erde, das nun mal mit vielen Krankheiten und viel Leid verbunden ist?

Pastorin Christiane Möhle ergründet in ihrer Predigt, ob das Beten bei Krankheiten hilft.

Möhle: Weil wir hier als Menschen unsere Erfahrungen machen dürfen, die Erfahrung der Liebe wie auch der Trauer, die Erfahrungen des Glücks wie des Unglücks. Es gibt so viel zu entdecken und auszuprobieren. Die Erfahrungen der Begrenzung und des Leids gehören zu dem Gesamtpaket „Leben“ mit dazu. Gut ist es, Kraft zu finden und begleitet zu sein, wenn man ein dunkles Tal zu durchschreiten hat. Diesen Raum bietet die Kirche an, die Kirchengemeinden, die Seelsorgenden, die Menschen miteinander, wenn sie aufmerksam und mitfühlend miteinander umgehen.

Steinkühler: Finden Sie das Leben denn nicht letztlich sinnvoll und gut, so wie es ist, mit allen seinen Höhen und Tiefen? Ich hoffe doch: Erfahrungen machen weise.

Dettke: Meine seelsorgerliche Erfahrung hat mir immer deutlicher gemacht: Eine theoretische Antwort hilft Kranken und Leidenden nicht weiter. Jesu Schicksal am Kreuz ist für viele Gläubige ein Hoffnungsschimmer, weil sich hier sogar Gott selbst, und zwar in seinem Sohn, mit dem Leiden identifiziert. Im Gekreuzigten entdecken Menschen, dass Gott trotz aller Unbegreiflichkeit und erlebten Abwesenheit letztlich die Liebe ist, die den Tod überwindet.

Nach christlicher Überzeugung ist Gott der Schöpfer aller Dinge. Sind Krankheitserreger wie zum Beispiel das Corona-Virus auch Geschöpfe Gottes?

Steinkühler: Die Vorstellung eines Gottes, der alles macht, stößt überall an Grenzen der Logik und des Unterschieds zwischen Gut und Böse. Wenn es mal gut geht, ist es ein Wunder. Und ein Wunder ist, dass es Leben gibt und dass Gott das Leben liebt.

Dettke: Auch Viren gehören zur Schöpfung, auch der Tod. Gottes Schöpfung lässt auch Katastrophen zu, denn sie ist noch nicht vollendet. Das Reich Gottes steht in seiner Fülle noch.

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