Deportation Northeimer Juden nach Riga - zwei Schicksalsgeschichten

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Abschlussklasse Richenzaschule 1915: Zu den Schülerin gehörte auch Johanna Blumentahl, geborene Rosin.

Northeim. Am 15. Dezember 2011 jährte sich die Deportation von 1001 Juden von Hannover nach Riga zum 70. Mal. Zu den Opfern gehörten auch elf Menschen aus sieben Familien, die entweder hier geboren oder lange Zeit ihren Lebensmittelpunkt in Northeim hatten.

An zwei Schicksale erinnern wir aus Anlass des heutigen Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Nettchen Stern wurde am 21. Janaur 1871 in Wolfhagen geboren. Sie heiratete Louis Stern und hatte mit ihm zwei Töchter, Lucie und Käthe. Louis Stern starb bereits 1924 und ist auf dem Northeimer Friedhof bestattet. 1934 verkaufte sie ihr Geschäft an die ältere Laura Guttentag.

Danach meldete sie sich in Northeim im Dezember 1935 ab nach Palästina, wo ihre emigrierte Tochter Lucie lebte. Am 26. März 1936 verzeichnet sie die Northeimer Meldekarte aber als wieder „zugezogen aus TelAviv“.

Flucht in die Anonymität

Kurzzeitige Emigration: Nettchen Stern 1935 auf dem Schiff nach Palästina.

Northeim muss dieser über Sechzigjährigen wohl wie die sprichwörtlichen Fleischtopfe Ägyptens erschienen sein, zu denen sie lieber zurückkehrte. So fremd muss das Leben in Palästina für sie gewesen sein.

Nettchen Stern zog am 2. November 1938, also eine Woche vor dem Pogrom, nach Hannover. In der Großstadt erhoffte sie sich wohl mehr Anonymität und Sicherheit.

Vergeblich: Am 15. Dezember 1941 saß die 70-Jährige im allerersten von Hannover abgehenden Deportationszug.

Ihr letztes Lebenszeichen findet sich auf einem Brief, der durch das britische Rote Kreuz der Tochter Lucie in Tel Aviv zugestellt wurde und diese wohl im September 1941 erreichte. Nettchen Stern hat die Ankunft in Riga offenbar nicht lang überlebt.

Johanna Rosin war das dritte von fünf Kindern Benno Rosins, der von 1919 bis 1924 sozialdemokratischer Bürgerschaftsvorsteher in Northeim war. Sie wurde am 1. August 1898 in Northeim geboren.

1920 zog sie nach Pattensen und heiratete dort Oskar Blumenthal. Zwei Töchter, Eva und Rahel, wurden geboren. Die Töchter verlassen Deutschland 1938/39, die eine nach England, die andere nach Palästina.

Palästina

Ihre beiden Brüder waren wie der Vater Benno Zionisten und verließen mit ihren Familien 1936 und 1937 Deutschland in Richtung Palästina.

Arthurs zweiter Sohn ist der 1931 als Fiete Rosin geborene Jehoshua Rosin, der heute noch als friedensbewegter alter Mann in bei Tel Aviv lebt und im vergangenen Herbst die Northeimer Reisegruppe der evangelischen Jugend traf.

Rückkehr

1938 besuchte Johanna mit ihrer alten Mutter die ausgewanderten Brüder in Palästina. Nach Aussage ihres Neffen Jehoshua Rosin kehrten sie zurück, weil Johannas Mann Oskar in Pattensen geblieben war.

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Von Hans Harer

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