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„Blick in die Zukunft“ mit Fossilien aus Willershausen

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Von: Michael Caspar

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Führt Akademie-Mitglieder durch die Tongrube Willershausen: Antje Gäckle vom Heimatverein.
Führt Akademie-Mitglieder durch die Tongrube Willershausen: Antje Gäckle vom Heimatverein. © Michael Caspar

Einen „Blick in die Zukunft“ erlauben die drei Millionen Jahre alten Fossilien der Tongrube Willershausen. Das berichtete Professor Joachim Reitner bei der Sommersitzung der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

Willershausen – Schnappschildkröten und Riesensalamander lebten einst im heutigen Willershausen, erklärte der Geobiologe seinen 40 Zuhörern in der Neuapostolischen Kirche im Dorf. Mammut- und Lebensbäume wuchsen im Leinetal. In drei Jahrzehnten könnten solche Arten theoretisch wieder in Deutschland vorkommen, denn die Durchschnittstemperaturen steigen aufgrund des Klimawandels. Seinerzeit war es in der Region drei, vier Grad Celsius wärmer als heute.

Kommen noch immer in der Tongrube vor: Bakterien, die Sulfate abbauen und dabei stinkenden Schwefelwasserstoff freisetzen.
Kommen noch immer in der Tongrube vor: Bakterien, die Sulfate abbauen und dabei stinkenden Schwefelwasserstoff freisetzen. © Caspar, Michael

Hinweise auf die damalige Pflanzen- und Tierwelt geben die ungewöhnlich zahlreichen Fossilien der Tongrube. 40 000 solcher Versteinerungen verwahrt allein die Geowissenschaftliche Sammlung der Universität Göttingen. Reitner geht von mehr als doppelt so vielen Funden aus, die sich oft im Privatbesitz von Hobbyforschern befinden. Die Fossilien sind den besonderen Verhältnissen in der Grube zu verdanken. Dort befand sich einst ein See. Die obere Wasserschicht war mit 26 bis 28 Grad Celsius deutlich wärmer, als die Wasserschicht am Grund, wo Temperaturen von 15 bis 17 Grad Celsius herrschten. Von unten her sickerte sulfathaltiges Wasser aus dem angrenzenden, salzhaltigen Zechstein ein. Diese Schwefelverbindungen bauten Mikroorganismen ab. Giftiger, nach faulen Eiern riechender Schwefelwasserstoff wurde frei – eine Todeszone.

Pflanzen und Tiere wurden in einer 40 Zentimeter dicken Tonschicht aus verwittertem, angeschwemmten Harz-Gestein konserviert. Vor allem Pflanzenteile haben sich erhalten. Reitner und seine Mitarbeiter wiesen im Gestein zudem die einstigen Mikroorganismen nach.

Vor drei Millionen Jahren endete das warme Erdzeitalter Tertiär. Die Eiszeiten begannen, die vor 11 000 Jahren abklangen. Das ermöglichte es Menschen, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Die Zivilisation setzte ein, die mit der industriellen Revolution vor 250 Jahren zur intensiven Nutzung fossiler Energieträger führte. Seither wird in großem Stil Kohlendioxid freigesetzt, was die Temperaturen steigen lässt.

Nach dem Vortrag führten Mitglieder des Heimatvereins Willershausen durch die Tongrube, die einen Durchmesser von 200 Metern hat. Dort wurde von 1911 bis 1976 Ton für Backsteine und Dachziegel abgebaut. Seither hat sich die Natur das Areal zurückerobert. Der Heimatverein plant eine Geotopstation, um die Grube bekannter zu machen. Fördermittel sind beantragt, sagte der Vereinsvorsitzende, Heiko Jäckel. (zmc)

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