Blick zurück zeigt Zukunft

Tongrube Willershausen zeigt Einblicke in Erdgeschichte und Klimawandel

Heiko Jäckel in der Tongrube Willershausen mit besonderen Bakterien unter den Wasserlinsen, sie leuchten bei genauerem Hinsehen im Licht pink und sind in ihrem Ursprung drei Milliarden Jahre alt.
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Heiko Jäckel in der Tongrube Willershausen mit besonderen Bakterien unter den Wasserlinsen, sie leuchten bei genauerem Hinsehen im Licht pink und sind in ihrem Ursprung drei Milliarden Jahre alt.

An der Stelle der Tongrube Willershausen befand sich vor der Eiszeit ein kleiner, tiefer See. Im Seebecken lagerten sich Sedimente ab, in denen sich eine Fossilschicht bildete.

Willershausen – Das Leben vor der Eiszeit gibt Einblick in das Leben unserer Zukunft, wenn die Temperaturen aufgrund der Klimaerwärmung weiter steigen“, erklärt Heiko Jäckel, Vorsitzender des Heimatvereins Willershausen, weshalb ein Blick in die Geschichte durchaus ein Blick in die Zukunft ist. Diese Veränderungen in der Natur aufzuzeigen, ist ein Thema während eines Rundgangs durch die Tongrube Willershausen, die vom Heimatverein gepflegt wird.

Das auf den ersten Blick etwas unscheinbar wirkende Naturdenkmal stößt bei Forschern verschiedenen Disziplinen von Geologen bis zu Biologen auf großes Interesse, denn es handele sich um eine „weltweit einzigartige Fundstätte“, so Gemeinderatsmitglied und Gästeführer Herbert Bredthauer: Hier auf dem Areal, das vom 16. Jahrhundert bis in die 1970er-Jahre zum Tonabbau für eine Ziegelei benutzt wurde, finden sich zahlreiche geologische Einschlüsse, die von dem Leben vor der Eiszeit zeugen.

Elefanten und Tapire

Waldelefanten, Tapire und andere Tiere, die man heute mehr in südlicheren Regionen verortet, konnten in der Tongrube nachgewiesen werden. Darüber hinaus auch zahlreiche Fische, Riesensalamander, Wasserschildkröten und Insekten.

Das besondere, der Ton in Willershausen gibt keine trockenen Fossilien preis, sondern er hat die Tiere, die vor drei Millionen Jahren in Willershausen gelebt haben, so eingeschlossen, dass darin organische Reste unzersetzt erhalten blieben, erklärt Jäckel, der Gäste regelmäßig durch das Areal führt.

Über 50000 Fossilien in der Tongrube geborgen

In der Fossilschicht von Willershausen seien aus über 50 000 Versteinerungen 500 Arten geborgen worden, darunter Mäuse mit Haut und Haaren sowie Frösche mit Laichschnüren. Die meisten Funde lagern jedoch nicht mehr in Willershausen, sondern in den Magazinen namhafter Museen wie dem Senckenberg Museum in Frankfurt.

Vor Ort entdecken könne Besucher jedoch sogenannte lebende Fossilien, das sind Pflanzen, die vor der Eiszeit hier schon heimisch waren und sich jetzt aufgrund der Klimaerwärmung durchaus wieder wohlfühlen. So treffen Gäste auf Comptonia, eine Farnmyrthe und zugleich Logo der Tongrube und Ortswappen, sowie einen Amberbaum. Hier sind noch weitere Anpflanzungen von lebenden Fossilien auf dem 5,6 Hektar großen Gelände geplant, berichtet Jäckel.

Für das Auge sichtbar werden beim Rundgang noch ältere Lebewesen gemacht: Mit einer Schöpfkelle holt Jäckel etwas Wasser aus einem der kleinen Teiche. Hier zeigt sich unter der Wasserlinsen schicht eine pinkfarbene Masse. „Das sind Bakterien, deren Ursprung sogar schon drei Milliarden Jahre alt ist“, so Jäckel. Sie brauchen schwefelhaltiges Wasser, das wohl von unten aus der Erde hochgepresst wird. Eigentlich gebe es diese Bakterien in Deutschland nicht, so stelle sich die Frage, wie sie den Weg nach Willershausen gefunden haben. Noch gebe es viele Fragen, die ungeklärt sind, im Zusammenhang mit dem Areal, das auch für einige besondere Arten, wie der Geburtshelferkröte.

Seit 2012 Naturdenkmal

Das Naturdenkmal Tongrube Willershausen ist seit 2012 Teil vom Geopark Harz – Braunschweiger Land – Ostfalen. Weitere Informationen abseits des Rundgangs erhalten Besucher in der kleinen Ausstellung, die bislang noch im ehemaligen Spar-Markt im Dorf untergebracht ist. Doch der Heimatverein möchte gern oberhalb des Dorfes in der Straße „Hinter den Höfen“ auf einem eigens erworbenen Grundstück, ein neues Domizil einrichten. „Für die rund 700 Gäste, die wir im Jahr durch die Tongrube führen brauchen wir eine Infrastruktur“, so Jäckel und auch für die Vereinsarbeit sei das wichtig.

Aktuell warte man auf den Bewilligungsbescheid für Mittel aus dem EU-Förderprogramm Leader. 24 000 Euro sind beantragt. Damit sollen Schauwände entlang der Wege der Tongrube aufgestellt werden. Außerdem wünscht sich der Heimatverein, dass die Wege barrierefrei gestaltet werden. Noch führen zahlreiche Treppen durch den Rundweg.

Zudem habe der Verein erneut einen Antrag beim niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur gestellt, der bedauerlicherweise im vergangenen Jahr ohne Begründung in der letzten Runde abgelehnt worden sei. Der Verein hofft auf Fördermittel. Denn für das neue Gebäude sind rund 120 000 Euro erforderlich.

Die Tongrube gehört mit dem Harzhorn und dem Portal zur Geschichte in Bad Gandersheim zur Praeteritum gGmbH, hier beginnt demnächst die Schulung neuer Gästeführer. Über weitere Interessenten würde man sich freuen, so Jäckel.

Führungen durch das Naturdenkmal dauern circa 90 Minuten, aufgrund der Corona-Pandemie finden sie nur eingeschränkt statt. Festes Schuhwerk ist erforderlich. Die Teilnahme kostet 3,50 Euro pro Person, Kinder von 6 bis 14 Jahren zahlen 2,50 Euro, Kinder unter 6 Jahren sind kostenfrei. Anmeldungen nimmt Heiko Jäckel unter 0 55 53/49 63 entgegen.

willershausen-harz.de

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