Rückkehr nach 70 Jahren ins Dorf der Kindheit

Zurück in die Kindheit: Werner Michel kehrte nach 70 Jahren zu seinem einstigen Wohnhaus (Hintergrund) nach Westerhof zurück. Das Foto zeigt den heute 75-Jährigen als etwa Fünfjährigen (Mitte) mit den Töchtern der Familie Klügel. Fotos: Leissa

Westerhof. Der 75-jährige Werner Michel aus dem Saarland ist zu Besuch in Westerhof. Weil seine Familie 1939 dorthin evakuiert worden war, hat er im Alten Amt seine ersten Lebensjahre verbracht.

Ein Lächeln huscht immer wieder über das Gesicht von Werner Michel, als er mit seiner Familie und dem Ortsbürgermeister Horst Bredthauer durch die Straßen von Westerhof geht. An einem Haus an der Westerhöfer Straße bleibt er kurz stehen, beginnt zu lachen: „Hier habe ich als kleiner Junge zum ersten Mal Skier anprobiert. Damals gab es hier noch einen Garten mit einem großen Hund!“

Der 75-Jährige aus Saarhölzbach im Saarland ist 1940 in Osterode geboren und verbrachte fünf Jahre seiner Kindheit in Westerhof. Seine Mutter und seine Großeltern waren 1939 nach der Evakuierung des Saarlandes im Wohnhaus der Familie Klügel an der Westerhöfer Straße einquartiert. „Sie wohnten in unserer Stube in zwei Zimmern“, erinnert sich Ursula Kampholz, geborene Klügel, deren Tochter nun in dem schmalen Fachwerkhaus wohnt.

Zweimal habe Werner Michel in Westerhof gewohnt: Erst von 1940 bis 1942. Nach einer kurzen Rückkehr der Familie nach Saarhölzbach wurde Michel mit seiner Mutter erneut von 1942 bis 1944 in Westerhof untergebracht. Nach 70 Jahren freue er sich, den Ort seiner frühsten Kindheit endlich wiederzusehen.

Der Saarländer und die Willershäuserin, deren Familien lange Zeit freundschaftlichen Kontakt gepflegt hatten, haben sich viel zu erzählen. Und so blättern Werner Michel und Ursula Kampholz durch das alte Familienalbum der Klügels, suchen nach bekannten Gesichtern und tauschen Erinnerungen aus.

Der 75-Jährige blüht sichtlich auf in seinen Erzählungen: Dort drüben habe früher eine Schmiede gestanden, er erinnere sich noch an einen Brand. Und hinter der Ortsgrenze war es moorig, dort habe er mit anderen Kindern Erdkugel geformt und damit gespielt.

„Seit 20 Jahren will mein Vater schon hierher zurück. Und nun hat es endlich geklappt“, verrät Michels Tochter, Bettina Junk.

Austausch von Erinnerungen: Werner Michel und Ursula Holzkamp blättern in einem alten Fotoalbum.

Auf der Suche nach dem Geburtshaus ihres Vaters hatte sie sich mit dem Ortsvorsteher Horst Bredthauer in Verbindung gesetzt. Schnell wurde das Haus identifiziert, eine Reise in das rund 470 Kilometer entfernte Westerhof geplant. Daraufhin recherchierte Bredthauer nach weiteren Unterkünften im Ort. „Ich habe im Gespräch mit einigen Menschen festgestellt, dass sich viele daran erinnern, Familien aus dem Saarland bei sich aufgenommen zu haben“, sagt Bredthauer.

Zahlreiche Einquartierungen 

Deswegen habe er eine Umfrage formuliert, mit der er die genaue Anzahl herausfinden will. Von den rund 80 bislang ausgesendeten Umfragebögen habe er etwa 20 zurück erhalten, Mit diesen konnte er 17 Wohnhäuser in Westerhof identifizieren, in denen Saarländer untergebracht waren. Er hofft, mit den Erinnerungen von Werner Michel weitere Häuser, in denen die Unterbringung von Saarländern vermutet wird, zu bestätigen. „Momentan wohnen knapp 500 Menschen in Westerhof“, erklärt der Ortsbürgermeister. „Um 1945 herum lebten aber gut zwölfhundert Menschen hier.“

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.