1991 begann Pastor a.D. Weskott mit Rettung von DDR-Literatur

Bücherscheune auf der Katlenburg wird 30 Jahre alt

Inmitten Tausender von Büchern: Pastor a.D. Martin Weskott in seiner Bücherscheune auf der Katlenburg, die in diesem Jahr 30 Jahre alt geworden ist.
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Inmitten Tausender von Büchern: Pastor a.D. Martin Weskott in seiner Bücherscheune auf der Katlenburg, die in diesem Jahr 30 Jahre alt geworden ist.

Die Bücherscheune des als Bücherpastor überregional bekannt gewordenen ehemaligen Katlenburger Pastors Martin Weskott feiert in diesem Jahr ihr 30-jähriges Bestehen.

Katlenburg - Zwar ist der 69-Jährige selbst seit einigen Jahren im Ruhestand, sein Lebenswerk, die Bücherscheune auf der Katlenburg betreibt er aber noch weiter.

Erst kürzlich war seine Einrichtung, die von einem von Weskott mit gegründeten Verein in der Steinscheune gegenüber der Burgbergkirche unterhalten wird, dem Deutschlandfunk die Wiederholung einer Reportage von 2019 wert. Die auch als „Bücherburg“ bekannte Scheune soll auch in den kommenden Jahren Bestand haben, sagt Weskott und baut dabei auf seine kleine Helferschar vom Verein „Gesellschaft zur Förderung von Kultur und Literatur“. Immer sonntags nach dem Gottesdienst oder nach Vereinbarung sei sie von 11 bis 13 Uhr geöffnet.

Angefangen hatte alles im Mai 1991 mit einem Foto in der Süddeutschen Zeitung von einer Müllkippe bei Borna nahe Leipzig, das tausende Bücher aus DDR-Verlagen zeigte, die auf der Deponie gelandet waren, weil sie nicht mehr verkäuflich waren und geschreddert werden sollten. Das Bild hatte Weskott berührt, und so kam seine Aktion zur Rettung von DDR-Literatur in Gang. Einer ersten Fahrt mit drei Helfern auf die Deponie bei Leipzig, bei der das Team drei Säcke Bücher mit nach Katlenburg brachte, sollten in den Folgejahren weitere 80 Touren folgen, bei denen druckfrische Bücher auch namhafter Autoren palettenweise gerettet wurden.

Zuerst wurden die Bücher auf einem Gut in Wachenhausen gelagert, später im Refektorium auf dem Burgberg und mit der Zeit auch im gemeindeeigenen Pfarrhaus, was nicht unbedingt allen Gemeindemitgliedern gefiel.

Seit 2018 gibt es die Bücherscheune. Rund eine Million Bücher mögen es bislang sein, die so vor der Vernichtung gerettet wurden, schätzt Weskott. Allein in den ersten vier Jahren seien es 800 000 Bücher gewesen.

Als sich nach ersten Zeitungs- und Fernsehberichten die Aktion herumgesprochen hatte, meldeten sich auch Institutionen aus dem Westen beim Katlenburger Pastor, darunter Uni-Bibliotheken, und boten ihm Bücher zur Rettung vor dem Vergessen an.

Etwa 750 000 Bände seien relativ schnell von Katlenburg aus auch international weitergegeben worden, so an Bibliotheken in Tirana, Sarajewo, Belgrad, Lemberg (Ukraine) und sogar nach Übersee bis Shanghai. Auch Kindergärten und Schulen seien beliefert worden.

Einen Namen hatte sich die Katlenburger Bücherburg auch durch die Reihe „Müllliteraten lesen“ gemacht, in deren Verlauf von 1992 bis 2017 mehr als 150 Autoren zumeist aus der Ex-DDR aus ihren Werken lasen und mit Besuchern diskutierten, darunter Christa Wolf, Christoph Hein und Friedrich Schorlemmer.

Heute sind in der Bücherscheune mehr als 50 000 Bücher zu finden. Literaturinteressierte können in Regalen auf Tischen und in auf dem stehenden Stapeln stöbern und Romane sowie Sachbücher aus 17 Kategorien gegen eine Spende für „Brot für die Welt“ mitnehmen. Ein Teil der Spenden decke zudem die Kosten für die Scheune, so Weskott.

„Die Nachfrage ist immer noch da“, fährt der 69-Jährige fort und deswegen soll die Scheune auch weiterhin Bestand haben. Und Weskott hat noch eine Zukunftsidee. Er plant für Katlenburg eine Sommerakademie über DDR-Literatur. (Axel Gödecke)

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