Moringen

Kaum noch Überlebende: Erinnerung an Gründung eines der ersten KZ

Die früheren Häftlinge des Moringer Jugend-KZ, Helmut Becker (links) und Ernst Blajs, legten einen Kranz vor dem Gedenkstein auf dem Moringer Friedhof nieder. 3 Fotos: Niesen

Moringen. Mit Kranzniederlegungen und einer Feierstunde haben am Samstag rund 200 Menschen an drei Ereignisse in Moringen erinnert:

Vor 20 Jahren wurde die Gedenkstätte an das frühere Konzentrationslager eröffnet, vor 30 Jahren fand das erste Erinnerungstreffen ehemaliger KZ-Häftlinge statt, und vor 80 Jahren gründeten die Nazis in Moringen eines der ersten KZ in Deutschland. Es wurde 1933 als Männer-KZ eingerichtet, dann als Frauen-KZ geführt und von 1940 bis 1945 als Jugend-KZ.

Von 1945 bis 1951 diente es als Lager für Displaced Persons. Dabei handelte es sich meist um ehemalige polnische Zwangsarbeiter, die auf eine Rückkehr nach Polen oder die Emigration in ein Drittland warteten.

Ich habe 25 Stockschläge auf meinen nackten Hintern vor allen anderen gekriegt, weil ich vor lauter Hunger eine Kartoffel gestohlen und gegessen habe. Wir hatten doch nichts. Wir bekamen morgens und abends eine Scheibe Brot und einen dreiviertel Liter Wassersuppe am Tag. Ich bekam schon etwas mehr Suppe, weil ich unter Tage in der Munitionsfabrik in Volpriehausen arbeiten musste“, erinnert sich der heute 87-jährige Helmut Becker aus Idar-Oberstein an ein Ereignis während seiner Haft im Jugend-KZ.

Er war zu der Gedenkfeier mit seiner in den USA lebenden Tochter Jutta gekommen. Außer ihm waren noch Richard Kieslich, Ernst Blajs, France Strmcnik und Jerzy Zieborak angereist. Zum ersten Treffen 1983 waren noch rund 50 Ehemalige erschienen.

In einigen Jahren wird es niemanden mehr geben, der als Zeitzeuge über die schrecklichen Geschehen in Moringen berichten kann, weil die Überlebenden des Lagers dann selbst gestorben sein werden.

Gespräche mit Zeitzeugen waren bislang ein Weg, um Jugendlichen und älteren Interessierten die damalige Zeit näher zu bringen, ihnen zu erklären, warum Jugendliche aus sozialen, rassistischen, religiösen oder politischen Gründen ins KZ gesteckt wurden und welcher Willkür und Verbrechen sie ausgesetzt waren.

Im Fall von Helmut Becker beispielsweise war es die Überziehung eines Sonderurlaubs, der ihn ins KZ brachte.

Den Zeitzeugen-Weg wird die Moringer Gedenkstätte in einigen Jahren nicht mehr nutzen können. Im Fall des Vorgängers, dem Frauen-KZ, ist es bereits soweit. Nach den Worten des Vorsitzenden des Trägervereins der Gedenkstätte, Joachim Suffrian, ist die letzte Überlebende vor Kurzem gestorben. (zhp)

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