Landwirte protestieren gegen Landkreis-Pläne

Ärger um Ausweisung des Ilme-Schutzgebiets

Aufgebrachte Landwirte: Von links sind Dieter Paulmann, Thomas Fricke, Stephan Paulmann, Matthias Pleiß und Jens Brandes zu sehen.
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Aufgebrachte Landwirte: Von links sind Dieter Paulmann, Thomas Fricke, Stephan Paulmann, Matthias Pleiß und Jens Brandes zu sehen.

Einbeck – Die Nerven liegen blank bei Landwirten zwischen Einbeck und Relliehausen im Solling: Der Kreis Northeim plant, ein 738 Hektar großes Areal als Naturschutzgebiet auszuweisen.

Das sogenannte FFH-Gebiet (benannt nach dem europäischen Schutzgebietssystem Flora-Fauna-Habitat) „Ilme, Selter und Nollenberg“ ist bereits vor Jahren vom Landkreis ausgewählt, vom Land nach Brüssel gemeldet worden und muss jetzt zügig in nationales Recht umgewandelt werden – sonst drohen den Bundesländern saftige Strafzahlungen. Noch bis Mittwoch läuft die Frist, innerhalb der Betroffene ihre Bedenken äußern können.

Einschränkungen in der Schutzgebietsverordnung gibt es reichlich. Während nach Ansicht von Jens Brandes, Vize-Vorsitzender des Landvolks Northeim-Osterode, vielen betroffenen Privateigentümern wie Gartenbesitzern an der Ilme die Konsequenzen gar nicht klar seien, gehen viele Landwirte auf die Barrikaden.

„Unser ertragreichstes Grünland liegt im geplanten Schutzgebiet“, sagt Stephan Paulmann. Der Junglandwirt hat gerade erst den Betrieb vom Vater übernommen und ist einer der wenigen verbliebenen Milchviehbetriebe in der Region. 85 Kühe plus Jungvieh hält Paulmann. Knapp die Hälfte seiner 50 Hektar Wiesen liegt im Schutzgebiet, die allein liefern zwei Drittel seines gesamten Grünlandertrages.

„Wenn wir erst ab 1. Juni mähen, weniger düngen, nur zwei statt vier Grasschnitte pro Jahr machen dürfen, sieht es düster aus. Mit spät gemähten Landschaftspflegeheu kann ich keine Milchkuh satt bekommen.“ Abgesehen vom finanziellen Verlust: Paulmann müsste dann viel mehr Futter aus Mais gewinnen – bislang baut er davon nur zwölf Hektar an. Kein leichtes Unterfangen auf seinen hängigen Äckern. Senior Dieter Paulmann ergänzt: „Alle reden davon, den ländlichen Raum zu stärken, aber durch so was wird er immer weiter geschwächt.“

Auch Thomas Fricke ist sauer. Der Landwirt aus Dassel ist mit 16 Hektar Grünland betroffen, er hält 100 Milchkühe und 100 Stück Jungvieh. Als Milchviehbauer sei er „einer der letzten seiner Art“. „Die Fläche geht uns nicht nur als Futterfläche, sondern auch für die Ausbringung von Gülle verloren. Wir müssten unseren Tierbestand abstocken, könnten unseren Mitarbeiter nicht mehr ausreichend beschäftigen – das wäre für uns das Ende der Milchwirtschaft.“

Matthias Pleiß aus Krimmensen bewirtschaftet neben dem Ackerland auch 15 Hektar Grünland an der Ilme mit 16 Mutterkühen und deren Nachzucht. Eigentlich wären Mutterkuhherden prädestiniert für die Grünlandpflege in Naturschutzgebieten. Aber auch er winkt ab: „Die Anzahl der Tiere, die auf einer Fläche gehalten werden darf, ist dann so gering, dass sich die Mutterkuhhaltung nicht mehr lohnt.“ Betroffen sind nicht nur Tierhalter: Ackerbauer Jens Brandes ist zwar nur mit wenigen Randstreifen im geplanten Schutzgebiet betroffen, für die es Einschränkungen geben würde. Aber sein Grünland an der Ilme, das er an Milchviehalter Paulmann verpachtet hat, würde dann für ihn wertlos werden. Er sorgt sich auch als örtlicher Jagdpächter: „Was kommt da auf uns zu? Einschränkungen bei Fallenjagd, insbesondere auf invasive Arten wie den Waschbären. Das senkt den Pachtwert.“

Der Ilmefluss bei Krimmensen. Jeweils zehn Meter an beiden Seiten des Ufers soll es Schutzstreifen geben.

Einig sind sich die Landwirte, dass das geplante Gebiet so nicht kommen darf. Statt eines Naturschutzgebiets fordern sie ein Landschaftsschutzgebiet mit einer Verordnung, die der Landwirtschaft gerecht wird.

Deutlich Worte der Landwirte fielen auch bei einer Infoveranstaltung des Landvolks zum Schutzgebiet. Geschäftsführer Gerhard Rudolph skizzierte Details der Planungen entlang von 33 Flusskilometern und Einschränkungen bis hin zu den Lebensraumtypen.

Zudem mahnte Philip Ilse, bei der Kammer in Northeim Fachgruppenleiter für Ländliche Entwicklung, den geplanten pauschalen Schutzstreifen von zehn Metern beidseitig des gesamten Gewässers an: „Das ist landesweit einmalig.“ Dem müsse man etwas entgegensetzen, damit dies kein neuer Standard werde.

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