Nachrichtenmagazin der Spiegel beschreibt Probleme in der deutschen Krankenhauslandschaft

Experten: Zwei Kliniken zu viel im Kreis Northeim

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Das Helios-Krankenhaus in Bad Ganderrsheim

Im Landkreis Northeim sollten zwei der drei bestehenden Krankenhäuser schließen. In seiner neusten Ausgabe hat das Nachrichtenmagazin Der Spiegel die Krankenhaus-Diskussion wiederbelebt.

Es beschreibt am Beispiel des Landkreises die Situation in der deutschen Kliniklandschaft. Quintessenz des Artikels: Eine hohe Zahl an Kliniken (mit relativ geringer Bettenzahl) sei kein Indiz für eine gute Versorgung. Im Gegenteil: Die Versorgungsqualität sei bei einer geringeren Zahl von (größeren) Kliniken besser. Der Weiterbetrieb des Bürgerspitals in Einbeck und der Helios-Klinik in Bad Gandersheim sei folglich weder medizinisch noch wirtschaftlich sinnvoll.

Dabei zitiert der Spiegel unter anderem Jörg Niemann, den Leiter der Landesvertretung Niedersachsen des Verbands der Ersatzkassen, mit den Worten: „Es ist offenkundig, dass das Krankenhaus in Einbeck keine Zukunft hat.“ Bei einem Haus, das zweimal Insolvenz anmelden musste, sei der Nachweis mangelnder Leistungsfähigkeit erbracht.

Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin wird in dem Magazin zitiert, dass es in Deutschland kein Krankenhaus mit weniger als 300 Betten geben sollte. Diese Hürde schafft derzeit keine Klinik im Landkreis.

Das Northeimer Helios-Krankenhaus

Helios gibt sich trotzdem gelassen und betont, dass man an die Zukunft seiner beiden Häuser in Northeim und Bad Gandersheim glaube. Man arbeite an notwendigen Umstrukturierungen, hieß es auf Anfrage der HNA.

Bei den Kreistagsfraktionen herrscht weniger Optimismus. Angesichts dessen, dass die Kliniken privatisiert sind, bestehe seitens der Politik nur wenig Möglichkeiten, Einfluss auf die Entwicklung zu nehmen. Landrätin Astrid Klinkert-Kittel hofft aber, dass es den drei Krankenhäusern gelingt, sich durch Spezialisierungen  fit für die Zukunft zu machen.

SPD

Der im Spiegel zitierte SPD-Landtags- und Kreistagsabgeordnete Uwe Schwarz (Bad Gandersheim) ist über die ihm zugeschriebenen Aussagen in dem Spiegel-Artikel empört. Er habe niemals die Schließung des Einbecker Krankenhauses verlangt, damit die Klinik seines Heimatorts Bad Gandersheim erhalten bleibe. Als Unverschämtheit bezeichnet Schwarz den von der Spiegelredakteurin eingestreuten Satz: „Manche vermuten einen Zusammenhang mit der Tätigkeit von Schwarz‘ Ehefrau, sie ist Bürgermeisterin von Bad Gandersheim, das Paar weist solche Vorwürfe zurück.“ Er, so Schwarz weiter, werde beim Spiegel eine Richtigstellung verlangen, diese Äußerungen stammten nicht von ihm, sagte er auf HNA-Anfrage. 

Uwe Schwarz (SPD)

Schwarz weiter: „Diese Debatte kenne ich, damit wird seit Jahren aus der Politik und Verwaltung aus Einbeck versucht, gegen mich Wahlkampf zu machen. Das Gegenteil ist der Fall. Ich habe mich seit Jahren immer für die Einbecker Klinik eingesetzt.“ Im Übrigen stellt der SPD-Landespolitiker klar, dass letztlich nicht mehr die Politik über das Wohl- und Wehe von örtlichen Krankenhäusern entscheidet, sondern allein der Markt. „Die Privatisierung der Kliniken auch bei uns vor Jahren war ein Riesenfehler, doch wir wurden damals vom Innenministerium dazu gezwungen, sonst wäre der Kreishaushalt nicht mehr genehmigt worden“, sagte Schwarz. Aus fachlicher Sicht seien die Aussagen, die Gesundheits-Experten im Spiegel-Artikel getroffen haben, nicht zu beanstanden. Allein schon wegen des Mangels an Ärzten und vor allem Pflegekräften seien auch in Deutschland größere Krankenhauseinheiten nötig. Daraus ergebe sich letztlich auch, dass „wir im Kreis Northeim nur ein richtig funktionierendes Krankenhaus brauchen und das wird das zentral gut gelegene in Northeim sein.“ Diese Einsicht umzusetzen sei jedoch von den Betreibern schwierig, weil die Debatte emotional besetzt sei. Das Land Niedersachsen habe aus diesem Grund Anfang des Jahres als erstes Bundesland überhaupt eine Enquete-Kommission zur Zukunft der ambulanten und stationären Versorgung eingesetzt. Klinik-Schließungen könnten nicht ohne die Nennung von Alternativen vorgenommen werden.

CDU

Heiner Hegeler (CDU)

Den im Spiegel-Artikel angeführten Vorwurf, dass sich die Politik nicht traue, Krankenhäuser zu schließen, weist auch der Vize-Fraktionschef der CDU im Northeimer Kreistag, Heiner Hegeler zurück. „Wir sind nicht diejenigen, die irgendwelche Kliniken schließen könnten. Früher haben wir immer die Krankenhäuser vor Ort gestützt, doch das liegt nicht mehr in der Hand der Kommunalpolitik.“

FDP

Dass alle drei Kliniken im Landkreis Northeim dauerhaft als Häuser der Grund- und Regelversorgung Bestand haben werden, glaubt auch der FDP-Landtagsabgeordnete und Vize-Vorsitzende der FDP-Kreisstagsfraktion, Christian Grascha (Einbeck), nicht. „Die kleineren Häuser haben nur eine Chance, in Spezialisierungen zu überleben“, sagt er. 

Christian Grascha (FDP)

Dieser Diskussion müssten sich die Krankenhauseigentümer stellen. Die Kreispolitik habe allerdings schon vor Jahren den Fehler gemacht, nicht selbst die drei Krankenhäuser Northeim, Gandersheim und Einbeck zusammenzuführen und einen leistungsfähigen Standort zu entwickeln. Die Chance dazu hätte es über die Holding gegeben, die der Landkreis seinerzeit kurzfristig gegründet hatte, um die drei Hospitäler gemeinsam zu führen, bevor die Privatisierung erfolgt sei.

Bündnis 90/Die Grünen

„Für uns Grüne stellt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht die Frage, ob alle drei Kliniken im Landkreis zu erhalten sind“, betonte Fraktionsmitglied Karen Pollok, „sondern vielmehr, dass eine grundlegende Versorgung der Bevölkerung gewährleistet ist.“ 

Karen Pollok (Grüne)

Grundsätzlich stellen Krankenhäuser die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung in unserem strukturschwachen Gebiet Südniedersachsen sicher. Mit der Privatisierung des Northeimer Krankenhauses habe der Landkreis den Großteil der Verantwortung leider aus der Hand gegeben. „Dass mit diesen Rahmenbedingungen alle drei Krankenhäuser im Landkreis Northeim erhalten bleiben können, ist wünschenswert aber wohl nicht realistisch“, urteilte Pollok.

AfD

Die AfD widerspricht der These, dass kleine Krankenhäuser die Versorgung der Menschen gefährden. „Wir denken eher, schlecht geführte und personell und materiell ausgestattete Krankenhäuser und Kliniken sind eine Gefahr für die Versorgung der Menschen, betont der AfD-Fraktionsvorsitzende im Kreistag, Maik Schmitz. 

Maik Schmitz (AfD)

Helios habe alle Möglichkeiten, eine perfekte Versorgung der Menschen im Landkreis Northeim zu gewährleisten, nutze diese Situation aber nicht. Pauschale Aussagen zur Zukunft der Krankenhäuser in Einbeck und Bad Gandersheim könnten nach Schmitz Worten nicht getroffen werden. In jedem Fall sei die Abgaben des Northeimer Krankenhauses aus der Trägerschaft des Landkreises eine eklatante Fehlentscheidung gewesen.

Das sagt Landrätin Astrid Klinkert-Kittel

„Für mich steht im Mittelpunkt, dass gerade im ländlichen Raum eine wohnortnahe Gesundheitsversorgung gewährleistet ist“, sagt Landrätin Astrid Klinkert-Kittel. Mit den derzeit drei Krankenhäusern in Northeim, Bad Gandersheim und Einbeck sowie dem Medizinischen Versorgungszentrum in Uslar gebe es ein gutes Angebot im Landkreis. Insofern sollten alle drei Kliniken erhalten werden, möglicherweise aber nicht so, wie sie jetzt sind. 

Landrätin Astrid Klinkert-Kittel 

„Vielleicht gibt es ja zukunftsweisende Modelle für alle drei Kliniken, wobei die Spezialisierung der einzelnen Häuser dabei eine Möglichkeit sein könnte“, meint die Landrätin und verweist darauf, dass Helios schon dabei sei, entsprechende Umstrukturierungen zu planen. Bei der Diskussion um mögliche Schließungen einzelner Häuser dürfe keinesfalls deren große Bedeutung im Hinblick auf die Arbeitsplätze vor Ort vergessen werden.

Helios: Beide Kliniken sind lebensfähig

Helios ist davon überzeugt, dass seine beiden Kliniken in Northeim und Bad Gandersheim langfristig lebensfähig sind. Das betonte Sprecherin Marina Dorsch auf HNA-Anfrage: „Wir möchten für unsere Häuser Kontinuität, Verbindlichkeit und Stabilität schaffen. Auch die medizinische Entwicklung einschließlich der Besetzung der offenen Stellen, das Vertrauen und die Akzeptanz sehen wir derzeit als unsere wichtigsten Aufgaben an.“ 

Ein positives Betriebsergebnis – sprich: die schwarze Null – erwarte der Klinik-Konzern allerdings im laufenden Jahr noch nicht. Die Maßnahmen zur Umstrukturierung in Northeim laufen nach ihren Worten. Dabei verwies Dorsch auf die Wiederbesetzung der vakanten Posten im ärztlichen Bereich. 

„Für die Helios Klinik in Bad Gandersheim erarbeiten wir derzeit im engen Austausch mit den Gesellschaftern ein Zukunftskonzept“, berichtete Dorsch weiter. „Dabei steht die Existenz der Klinik nicht infrage.“ 

Laut niedersächsischem Krankenhausplan verfügt die Albert-Schweitzer-Klinik in Northeim über 210 Betten. Das ebenfalls zum Helios-Konzern gehörende Krankenhaus in Bad Gandersheim über 89 Betten. 

Die Angabe im Spiegel-Artikel, dass Helios sich gegenüber dem Landkreis verpflichtet habe, das Krankenhaus in Bad Gandersheim bis 2032 zu betreiben, bestätigt sie nicht so konkret, sondern sprach nur von einer langfristigen Verpflichtung, die Klinik in der Kurstadt zu betreiben. 

Dorsch bestritt, dass der Klinik-Konzern die beiden Krankenhäuser in Northeim und Bad Gandersheim im Jahr 2009 in der Erwartung vom Landkreis übernommen habe, dass das Krankenhaus in Einbeck bald schließen würde. Auch das aktuelle Potenzial der Helios-Häuser im Landkreis werde nicht auf Basis eines möglichen Endes des Bürgerspitals bewertet, betonte die Sprecherin.

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