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Bundesweit einzigartiges Modellprojekt Blühstreifen im Kreis Northeim gestartet

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Von: Axel Gödecke

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Eine Handvoll Blühsamen: Landwirt Michael Dörnte zeigt, was er ausgesät hat, links Moringens Bürgermeisterin Heike Müller-Otte, rechts Wissenschaftlerin Isabelle Arimond und Stefanie Möhlenhoff (Stadt Uslar).
Eine Handvoll Blühsamen: Landwirt Michael Dörnte zeigt, was er ausgesät hat, links Moringens Bürgermeisterin Heike Müller-Otte, rechts Wissenschaftlerin Isabelle Arimond und Stefanie Möhlenhoff (Stadt Uslar). © Hans-Peter Niesen

Auf acht Hektar Ackerfläche des Lutterbecker Landwirtes Michael Dörnte (54) ist ein in Deutschland einmaliges Modellprojekt für Blühstreifen und mehr Artenvielfalt gestartet.

Landkreis Northeim - Am Projekt sind im Landkreis Northeim 42 landwirtschaftliche Betriebe beteiligt. Sie legen in diesem Herbst und im Frühjahr Blühstreifen auf einer Gesamtfläche von 265 Hektar an, die sich auf 39 Bereichen verteilen. Gebildet wurden dazu Landschaftsausschnitte von je 100 Hektar. Dieses Mammutprojekt auf dem Weg zu mehr Insekten, Vögeln, Fledermäusen, anderen Lebewesen und Pflanzen haben jetzt Wissenschaftler der Unis in Göttingen und Rostock in Kooperation mit den Betrieben, 9 Kommunen im Kreis, dem Landvolk, Naturschützen und Unterstützern auf die Beine gestellt.

Die Entwicklung der Biodiversität auf diesen Flächen soll fünf Jahre lang wissenschaftlich begleitet werden, um Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. Geplant sind unter anderen Doktorarbeiten und Master- und Bachelorarbeiten, sagte das Team unter Leitung von Prof. Dr. Catrin Westphal von der Uni Göttingen. Sie forscht dort über das Thema funktionelle Agrobiodiversität.

„Vielen Dank, dass Sie dazu beitragen, dass wir nun tatsächlich ein so groß-skaliges Experiment auf der Landschaftsebene starten können, was einmalig in Deutschland ist“, sagte die Professorin beim „Startschuss“ in der Feldmark von Lutterbeck.

Der Anstoß kam vor Jahren vom Runden Tisch Artenvielfalt in Uslar, vertreten durch Volker Ruwisch und Artur Görder. Unterstützt wurde es auch vom Vorstandsmitglied des Landvolkverbands Northeim-Osterode, Landwirt Jörg Gebauer aus Sohlingen.

Im Zentrum des Projekts stand nach den Worten von Westphal zunächst die Frage „wie wirken sich unterschiedliche Flächenanteile und die räumliche Anordnung von Blühstreifen und naturnahen Lebensräumen auf unterschiedliche Artengruppen wie Bestäuber, Vögel, Spinnen und Käfer aus?“ Nach Diskussion unter anderem mit der Deutschen Bundesstiftung Umweltschutz und dem Bundesamt für Naturschutz wurde die Untersuchungskreis erweitert.

Jetzt werden nicht nur „die Wirkungen von Agrarumweltmaßnahmen auf Biodiversität analysiert, sondern auch, welche Verwaltungsstrukturen und Förderinstrumente wichtig für eine Umsetzung sind und welche Kosten und Nutzen für Landwirte entstehen.

Wetter spielte nicht ganz mit

Eigentlich sollte zum Start des Blühstreifenprojekts eine Fläche frisch eingesät werden, doch das hatte Landwirt Dörnte wegen des Regens schon drei Tage zuvor getan. „Der Boden ist heute zu feucht“, sagte er. Dafür drehte er mit ein paar Kindern eine Runde mit dem Trecker.

Ausgesät hat er eine Mischung mit 33 verschiedenen regionalen Blühpflanzen. Kostenpunkt 500 Euro pro Sack, der für ein Hektar reicht. „Etliche davon sind Lichtkeimer“, sagte Dörnte. Das heißt, die Samen dürfen nicht tief in den Boden eingearbeitet werden, weil sie zur Keimung nicht nur Wasser, Wärme und Sauerstoff benötigen, sondern auch Licht.

Werben für die Landwirtschaft

Dörnte nimmt an dem Projekt, das unter der nicht gerade vom Hocker reißenden Überschrift „Kooperativ: Partizipation Ökologie Ökonomie – Biodiversität auf der Landschaftsebene fördern“ läuft, teil, weil: „Die Bevölkerung soll mehr über Landwirtschaft erfahren, vielleicht würden dann auch mehr Leute in ihren Gärten Blühstreifen anlegen.“ Darüber hinaus erhofft Michael Dörnte sich durch mehr Artenvielfalt auch positive Effekte für die Landwirtschaft.

Wissenschaftlerin Dr. Annika Haß nannte als Beispiele etwa die natürliche Begrenzung von Schädlingen durch sogenannte Nützlinge. Wichtig ist den Beteiligten, dass das Modellprojekt in einem Austausch mit den Beteiligten und der Öffentlichkeit steht. Über die Ergebnisse soll fortlaufend berichtet werden.

Der stellvertretende Geschäftsführer des Landvolksverbands Northeim-Osterode, Gerhard Rudolph, seufzte: „Gott sei Dank stehen wir jetzt hier. Wir brauchen faktenbasiertes Wissen. Wir als Landvolk begrüßen das Projekt.“

Dass mit dem Projekt große Hoffnungen verbunden sind, zeigt die breite Unterstützung. So wird im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundes-Umweltministeriums gefördert und gehört zum Bundesprogramm „leben.natur.vielfalt“.

Es klang schon fast wie ein Hilferuf, als Dr. Annika Haß sagte: „In Blühstreifen leben mehr als 400 Prozent mehr Arten als in einem Weizenfeld.“ Dass der Insektenrückgang real ist, zeigt auch ein simples Beispiel, an das sich die Älteren noch gut erinnern: Wer vor 40 Jahren in der Dämmerung mit dem Auto über Land fuhr, musste am nächsten Morgen den harten Schwamm in die Hand nehmen, um die zahllosen toten Krabbeltiere von der Windschutzscheibe zu schaben. Heute ist der harte Schwamm nahezu überflüssig. Auch Moringens Bürgermeisterin, Heike Müller-Otte, sagte mit Blick auf den Klimawandel: „Wir müssen alle etwas tun.“

Win-Win-Situation könnte entstehen

Blühstreifen sind zwar Flächen, die aus der Erzeugung von Weizen, Rüben & Co herausgenommen werden, es könnte aber trotzdem eine Win-Win-Situation entstehen. Denn nach den Worten Dr. Annika Haß (Uni Göttingen), würden 75 Prozent der Bestäubungsleistungen durch Insekten vorgenommen. Außerdem habe eine Studie in der Schweiz ergeben, dass durch höhere Biodiversität eine Ertragssteigerung bei der Ernte von bis zu zehn Prozent möglich sei.  (Hans-Peter Niesen)

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