Falsche Hilfe ist Gefahr für Tierkinder

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Kümmert sich um das Rehkitz: Sophie Kinas versorgt das Tierkind mit spezieller Aufzuchtnahrung. An der falschen Versorgung von einer junger Frau wäre es fast verendet.

Moringen. Aus falsch verstandener Tierliebe hat eine Frau ein Rehkitz von einer Wiese mitgenommen. Eine Moringer Familie kümmert sich nun um das Tier und warnt vor ähnlichen Fällen.

Fidel und putzmunter hüpft das Rehkitz durch den Garten von Familie Kinas aus Moringen. Es knabbert an Grashalmen, versteckt sich hinter Büschen. Doch der Schein trügt. Tatsächlich zittert der kleine Körper vor Erschöpfung. „Es ist ein ständiges Auf und Ab“, sagt Andrea Kinas. „Wir wissen nicht, ob es durchkommt.“

Eine junge Frau hat das etwa zwei Wochen alte Tier zusammen mit einem weiteren Kitz auf einer Wiese bei Duderstadt entdeckt - scheinbar verlassen. Sie nahm die Tiere mit, hielt sie in der Wohnung und fütterte sie „völlig falsch“, wie Kinas erklärt. Ein befreundeter Jäger vermittelte die Tiere schließlich zu der Familie nach Moringen, die bereits mehrfach Wildtiere aufgezogen hat.

Andrea Kinas und ihre Tochter Sophie sind entsetzt über die falsch verstandene Tierliebe. „Eins der beiden Tiere musste eingeschläfert werden, weil es die Nahrung nicht vertragen hat“, berichten sie. Und: Die Tiere waren keineswegs verwaist. Die Ricke hielt sich in der Nähe auf, wie Fotos zeigen. „Sie hat weißes Fell, das ist sehr selten“, sagt Andrea Kinas. Auch das Kitz wird wohl helles Fell bekommen. Deshalb hat ihre Tochter dem Tier den Namen Bijel gegeben. Das ist bosnisch und bedeutet „weiß“.

Die ganze Familie kümmert sich nun um das Kitz. Alle paar Stunden muss es gefüttert werden - ob es das Fläschchen akzeptiert, ist jedes Mal ein Glücksspiel. „Mal geht es gut, dann weigert es sich wieder“, berichtet Sophie Kinas. Sollte das Kitz die Strapazen überstehen, wird es wohl ein paar Monate bei der Moringer Familie bleiben bis es feste Nahrung frisst und an einen Tierpark vermittelt werden kann.

Besonders verärgert sind die beiden Frauen über den Grund für ihren Familienzuwachs. „Rehe lassen ihren Nachwuchs zum Schutz tagsüber immer allein“, erklärt Andrea Kinas, die selbst Jägerin ist. Ducken und Tarnen schütze die Tierkinder vor Fressfeinden wie dem Fuchs. Die Ricke komme nur zum Füttern vorbei.

„Man sollte weder querfeldein spazieren gehen noch scheinbar verwaiste Tierkinder anfassen oder gar mitnehmen“, sagt sie. Das gelte auch dann, wenn die Tiere nach der Mutter rufen und fiepen. Junges Wild nehme bei Kontakt sofort den Menschengeruch an. Das Muttertier werde dadurch abgeschreckt. Das sei auch der Fall, wenn Hunde die Jungtiere ablecken.

„Während der Brut- und Setzzeit von März bis Juli sollte man die festen Wege in der Feldmark nicht verlassen und Hunde unbedingt anleinen“, appelliert Kinas. Zu Jungtieren sollte großer Abstand gehalten und im Zweifel die Polizei informiert werden.

Hintergrund: Polizei kann vermitteln

Wer in freier Natur verwaiste Tierkinder entdeckt und unsicher ist, ob sie tatsächlich von der Mutter verlassen wurden, kann sich an die Polizei wenden. Dort gibt es Listen mit den zuständigen Jagdpächtern. Die Beamten können auch einen Tierarzt informieren. „Man sollte erst aktiv werden, wenn die Tiere sehr unruhig sind und nicht aufhören zu fiepen oder zu schreien“, sagt Andrea Kinas.

Wer Tierkinder einfach mitnimmt, macht sich der Jagdwilderei (Paragraph 292 Strafgesetzbuch) schuldig, was mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe geahndet werden kann. Für verletzte Vögel gibt es in Göttingen eine Greifvogelstation, um andere verletzte Tiere kümmert sich die Northeimer Tierklinik. Herrenlose Tiere gibt die Polizei in der Regel im Tierheim ab, wo sie versorgt werden.

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