"Die Vergangenheit sollte jeden interessieren"

Mattis Binner absolviert Freiwilliges Soziales Jahr in KZ-Gedenkstätte Moringen

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„Ich möchte mein Wissen weitergeben“: Durch diese Straße wird Mattis Binner (18) während seines Freiwilligenjahres an der KZ-Gedenkstätte Moringen die Besucher führen, denn sie grenzt an den Platz, wo sich ab 1933 ein Konzentrationslager befand.

Moringen. 55 Grabplatten, Gedenktafeln, alte Mauern mit viel Geschichte: Der 18-jährige Mattis Binner begibt sich ein Jahr lang für die KZ-Gedenkstätte Moringen auf Spurensuche.

„Das Dritte Reich war zu Hause nie ein Tabuthema, wir haben immer offen darüber gesprochen, was damals passiert ist“, erzählt Mattis Binner. Am 1. September hat er sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) Politik in der KZ-Gedenkstätte Moringen begonnen.

Das bedeutet für den 18-Jährigen aus dem niedersächsischen Ilsede: ein Jahr intensive Auseinandersetzung mit einem Kapitel der Deutschen Geschichte, das auch in Moringen Spuren hinterlassen hat. Mitten im Ortskern befand sich zwischen 1933 und 1945 ein Konzentrationslager, in dem erst Männer (1933), dann Frauen (1933-1938) und zuletzt Jugendliche (1940-1945) inhaftiert und zum Teil getötet wurden. Die Opfer der Nazis im Gedächtnis zu behalten, darum kümmere sich die Gedenkstätte, sagt Binner.

„Erst 1980 wurde der Gedenkstein hier aufgestellt.“ Binner deutet auf einen Stein, der auf dem Moringer Friedhof am Rande einer Wiese steht, worauf 55 kleine Grabplatten verteilt sind - „die sollen seit 1988 den zu Tode gekommenen Jugendlichen des Moringer Jugend-KZs gedenken.“

Viel lesen gehört dazu 

Er erzählt weiter, dass es natürlich viel mehr gewesen seien als 55, nämlich ungefähr 140 Jugendliche im Alter von 17 bis 23 Jahren. Einem Friedhofswärter sei es zu verdanken, dass wenigstens 55 der Toten registriert wurden und so nach der Exhumierung benannt werden konnten.

„Die Nazis hätten die Toten verscharrt und keiner hätte je gewusst, wer hier liegt“, erzählt Binner, den sein Alter mit den Häftlingen verbindet, betroffen. Obwohl der Abiturient erst seit wenigen Tagen vor Ort ist, habe er schon viel Wissen aufgesaugt. Er lese viel, aktuell die Briefsammlung einer Inhaftierten aus dem Frauen-KZ, ein Buch über die Geschichte des Werkhauses (der heutige Maßregelvollzug) und die Biografie des Widerstandskämpfers Erwin Rehn, der bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs im Jugend-KZ Moringen inhaftiert war. „Fallbeispiele finde ich besonders spannend.“

Weitere Informationen:

www.gedenkstaette-moringen.de

Binner, der sich vorstellen könne, nach dem Freiwilligenjahr Geschichte zu studieren, meint: „Die Vergangenheit sollte jeden interessieren. Viele vergessen, dass alles aus der Vergangenheit resultiert.“ Sicher sei sein Wunsch, das Freiwilligenjahr in einer Gedenkstätte zu verbringen, auch von der Arbeit seines Vaters geprägt gewesen. Der arbeite derzeit als Historiker in der Gedenkstätte Buchenwald.

Deshalb sei es vielleicht auch kein Zufall, dass Mattis Binners Zwillingsbruder Tom ein FSJ in dem ehemaligen Stasi-Gefängnis „Roter Ochse“ in Halle macht. Mit ihm tausche er sich regelmäßig per Telefon aus. „Wir zehren dann gegenseitig von unserem Wissen.“

Demnächst wird Mattis Binner Besucher durch die Stadt führen und ihnen von den Moringer Lagern, den Inhaftierten und der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg erzählen. Unter den Besuchern seien viele Schülergruppen. „Die möchte ich mit einer lebendigen Führung für die Thematik begeistern und zum Mitdenken anregen.“

Von Anna Lischper 

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