Schwere Vorwürfe gegen die Inspektion Northeim

Niedersachsen: Missbrauch von Kindern - Polizei ging Verdacht ein Jahr lang nicht nach

Schatten von zwei Händen, die sich dem Schattenbild eines nach oben blickenden Kind nähern.
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Wegen sexuellen Missbrauchs von sieben Mädchen muss sich ein 49-Jähriger Mann aus dem Solling verantworten.

Beamte der Polizeiinspektion Northeim sollen einem Hinweis des Jugendamtes auf sexuellen Missbrauch von Kindern fast ein Jahr lang nicht nachgegangen sein.

Northeim – Wie konnte es dazu kommen, dass Beamte der Polizeiinspektion Northeim einem Hinweis des Jugendamtes auf sexuellen Missbrauch von Kindern fast ein Jahr lang nicht nachgegangen sind? Diese Frage hat eine Expertengruppe des niedersächsischen Innenministeriums untersucht.

Wie das Ministerium bestätigte, hatte das Jugendamt im Frühjahr 2019 mehrfach Hinweise auf Kindesmissbrauch durch zwei Männer aus dem Kreis Northeim an die Northeimer Polizei gegeben. Diese ermittelte aber nicht, sondern leitete die Hinweise nur an Kollegen in Nordrhein-Westfalen weiter, die damals mit dem Fall des hundertfachen Kindesmissbrauchs in Lügde (Kreis Lippe) beschäftigt waren. Ein Zusammenhang beider Fälle lag nahe.

Laut Innenministerium gab es klare Absprachen zwischen der Polizei Northeim und der Polizeiinspektion Göttingen

Obwohl ihre westfälischen Kollegen mitteilten, dass sie keine Ermittlungen gegen die beiden Männer führten, wurde die Northeimer Polizei nicht aktiv, so berichtete das Ministerium. Erst durch die Übernahme eines dann doch in Nordrhein-Westfalen eingeleiteten Verfahrens begannen im März Ermittlungen gegen die beiden Männer auch durch die Polizei Northeim. Ein Verdächtiger, der ein Freund des Haupttäters des Kindesmissbrauchs in Lügde sein soll, wurde festgenommen. Er steht inzwischen vor Gericht.

Es gab laut Innenministerium klare Absprachen zwischen der Polizei Northeim, auch der Polizeidirektion Göttingen und den Stellen in Nordrhein-Westfalen, dass der Umgang mit den Opfern von Ermittlern aus Nordrhein-Westfalen erfolgen sollten, um eine Mehrfachtraumatisierung zu vermeiden. „Aus dieser Verabredung heraus und aus dem Verständnis, dass die Sonderkommission aus NRW die Gesamtermittlungen führt, haben sich dann die Ermittlerinnen und Ermittler in Northeim ein Stück weit zu sehr darauf verlassen“, sagte Ministeriumssprecher Philipp Wedelich.

Es sei insbesondere unterlassen worden, die für Northeim zuständige Staatsanwaltschaft Göttingen zu informieren, damit diese entscheiden kann, ob durch den Anfangsverdacht einer Straftat Ermittlungen begründet seien.

Vorgehen der Northeimer Polizisten strafrechtlich?

Das Innenministerium hat nicht vertieft geprüft, ob das Vorgehen der Northeimer Beamten strafrechtlich oder disziplinarrechtlich relevant ist. Allerdings, so Sprecher Wedelich, hätten sich bei einer groben Betrachtung dafür keine Anhaltspunkte ergeben. Das genauer zu überprüfen sei nun aber Aufgabe der Polizeidirektion Göttingen.

Die Polizeidirektion Göttingen hat laut Innenministerium Konsequenzen gezogen und beispielsweise einen strukturierten Informationsaustausch mit dem Jugendamt eingerichtet. Wie die Bekämpfung des Kindesmissbrauchs und der Kinderpornografie verbessert werden kann, sollen nun das Landeskriminalamt und eine Expertengruppe klären. Das Ministerium sei ebenfalls beteiligt, weil es auch um länderübergreifende Verfahren gehe.

Mann aus Northeim soll sieben Mädchen jahrelang missbraucht haben

Bei dem Fall handelt es sich laut der Anklage des Staatsanwaltschaft um den Missbrauch von sieben Mädchen, die im Tatzeitraum im Alter zwischen sechs und 13 Jahren waren. Die Taten sollen sich über einen Zeitraum von drei Jahren erstreckt haben. Der Angeklagte, ein 49-jährigen Mann aus dem Landkreis Northeim, muss sich seit September vor dem Landgericht Göttingen deswegen verantworten.

Im März 2020 – also rund ein Jahr nachdem es die ersten Hinweise auf einen Missbrauch gegeben hatte – haben Einsatzkräfte des Polizeipräsidiums Bielefeld und der Polizeiinspektion Northeim die Wohnräume des Mannes durchsucht. Dabei stellten sie dort unter anderem 43 Datenträger mit digitalen Beweismitteln sicher.

Mann aus Northeim soll sich im Internet mit anderen Pädophilen ausgetauscht haben

Die Auswertung der darauf befindlichen Videos und Bilder ergab, dass der 49-Jährige offenbar Kinder missbraucht hat. Videobefragungen der mutmaßlichen Opfer, die von speziell geschultem Personal vorgenommen worden seien, haben dann weitere Anhaltspunkte auf regelmäßige sexuelle Übergriffe ergeben. Die Taten sollen zwischen Juli 2016 und November 2019 stattgefunden haben.

Das Ausmaß der Missbrauchstaten ist aber wohl noch deutlich größer. Der 49-Jährige soll sich in Online-Portalen mit zahlreichen weiteren Pädosexuellen ausgetauscht haben, die ebenfalls derartige Taten begangen haben sollen.

Es wurden 130 Strafverfahren wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und Besitzes von kinderpornografischen Schriften eingeleitet. Bei den meisten Verdächtigen handelt es sich laut Staatsanwaltschaft um professionell agierende Täter, die sich mit Pseudonymen oder unter Fake-Personalien im Internet bewegen. Eine Sonderkommission der Northeimer Polizei bearbeitet die Fälle. (Olaf Weiss)

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