850 Kilometer weit gefahren

Angersteiner erinnert mit Radtour nach Lodz an NS-Opfer

Station am Rathaus Breslau: Bernhard Keller aus Angerstein hat auf seiner knapp zweiwöchigen Fahrrad-Pilger-Tour einiges erlebt. Foto: privat

Angerstein/Lodz. 850 Kilometer sind es von Moringen bis ins polnische Lodz. Bernhard Keller aus Angerstein hat diese Strecke Ende Januar mit dem Fahrrad zurückgelegt.

So wollte er an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Pünktlich zum 27. Januar, dem 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, traf er am Ziel ein.

„Viele Menschen haben die Fahrt wahrgenommen, sie vielleicht teilweise kopfschüttelnd bewundert und, wie ich hoffe, über den Sinn von Erinnern nachgedacht“, erzählt der 55-Jährige nach seiner Rückkehr. Die Reise sei ein tolles Erlebnis gewesen - mit vielen interessanten Begegnungen und Gesprächen.

Während der Fahrt nahm Keller an Gesprächsabenden teil, berichtete über seine Reise und die Arbeit der KZ-Gedenkstätte Moringen sowie der Aktion Sühnezeichen . Das hatte Folgen: Hunderte Zugriffe verzeichneten die Gedenkstättenmitarbeiter auf ihrer Facebook-Seite. Wie viele Spenden eingegangen sind, wird noch analysiert.

Die Idee zu der ungewöhnlichen Erinnerungsaktion hatte der IT-Techniker, der bei VW in Wolfsburg arbeitet, im Sommer 2013 bei seinem ersten Besuch in Polen. In den Kriegsjahren 1943/44 arbeitete seine Mutter als Medizinisch Technische Assistentin in Lodz. Später erzählte sie ihrem Sohn von den schrecklichen Bildern aus dem Ghetto und von ihrem Einsatz im Lazarett.

Da die Moringer Gedenkstätte ihm Unterstützung zusagte, plante Keller seine Reise von Moringen nach Lodz. Tatsächlich erreichte er nach zwölf Tagen Fahrt das ehemalige Lodzer Jugendlager. Am 27. Januar nahm er an der Gedenkveranstaltung am Bahnhof Radegast teil.

Von dort wurden von Januar bis August 1944 über 150 000 Juden in die Konzentrationslager Auschwitz und Kulmhof gebracht. „Bei der Gedenkveranstaltung habe ich einen 69-Jährigen getroffen, der Mitglied der jüdischen Glaubensgemeinschaft in Lodz ist“, erzählt Keller. „Er hat mir von seiner Familie erzählt und wie seine Eltern überlebt haben. Das war ein bewegender Moment.“

Etwa 777 Kilometer der Reise hat Keller mit dem Fahrrad zurückgelegt, die restliche Strecke fuhr er mit der Leipziger S-Bahn, der polnischen Staatsbahn und per Auto mit einem Freund, der ihn nach Görlitz brachte. Station machte er außerdem in Breslau und Liegnitz, dem letzten Einsatzort seines Großvaters vor Kriegsende. Einmal brach ein Zahnrad seines Fahrrads. „Unfälle hatte ich aber keine“, berichtet er.

Kurz nach seiner Rückkehr schmiedet Keller schon wieder Pläne. Für einen der nächsten Sommer wünscht er sich eine deutsch-jüdisch-polnische Erinnerungsfahrt mit Jugendlichen. Außerdem hofft er, die Kontakte nach Lodz aufrechterhalten zu können. Eine Mitarbeiterin des Museums in Radegast hat ihm darüber hinaus versprochen, sich mit der Rolle seiner Mutter in Lodz zu beschäftigen. (jus)

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