Veranda für Schweine an der frischen Luft

Südniedersachsen wird Modellregion für ein besseres Nutztierleben

Projektleiterin Anna-Marie Bürger mit den Angersteiner Bauern Michael Pickel und Holger Kurre vor dem Schweinestall.
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Schweinestall mit Veranda: Von links Projektleiterin Anna-Marie Bürger mit den Angersteiner Bauern Michael Pickel und Holger Kurre.

Südniedersachsen soll eine Modellregion für nachhaltige Nutztierhaltung werden.

„Seit drei Jahren macht die Arbeit so richtig Spaß“, erzählt Pickel. 2017 haben er und Kurre ihren alten, abbezahlten Schweinestall an der alten Bundesstraße 3 um eine Veranda erweitert. Die 1000 Tiere, die die beiden halten, können seither jederzeit aus dem Stall heraus. Bei Tageslicht spielen sie nun an der frischen Luft im Stroh. 40 Prozent mehr Platz steht den Schweinen jetzt zur Verfügung. „Wenn ich zweimal in der Woche das Stroh wechsele, scharren sie immer schon aufgeregt an den Türen“, berichtet der Bauer und strahlt.

Eine Veranda-Lösung schafft allerdings auch Probleme. Rund um den Schweinestall stinkt es mehr als früher, als die Tiere ausschließlich drinnen gehalten wurden. „Zum Glück steht das Gebäude 400 Meter vom Ort entfernt“, sagt Bauer Pickel. Eine andere Herausforderung sei die Gefahr, dass sich die Tiere bei Wildschweinen etwa mit der inzwischen auch in Deutschland aufgetretenen Afrikanischen Schweinepest infizieren. Die Mäster mussten das gesamte Gelände noch einmal gesondert einzäunen.

Die größte Hürde sind allerdings die Finanzen. „Die 300 000-Euro-Investition rechnet sich nicht“, bedauert Kurre. 25 Cent müssten die beiden Landwirte pro Kilogramm Fleisch mehr bekommen, um die zusätzlichen Kosten zu decken. Aufs Edelfleisch umgerechnet hätte der Verbraucher einen Euro mehr pro Kilogramm zu zahlen. „So viel Geld bekommen wir nur in unserem Hofladen, über den wir das Fleisch vermarkten“, sagt Pickel. Immerhin zahlt ihnen die Initiative Tierwohl fünf Cent pro Kilogramm.

„Ich habe etwa zehn Supermärkte angesprochen, denen das Fleisch aber zu teuer ist“, sagt Pickel. Um es selbst auf Wochenmärkten zu vertreiben, fehle ihm die Zeit. „An diesem Punkt will die Modellregion ansetzen“, betont Projektleiterin Bürger. Seit Juli versucht sie, Nutztierhalter – auch von Rindern und Geflügel – mit Fleischern und dem Handel zusammenzubringen. Auch zu Kantinen nimmt sie Kontakt auf. Das Studentenwerk Göttingen bereitet zum Beispiel für Mensagäste Strohschwein-Gerichte zu. Innerhalb von drei Jahren sollen stabile Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen entstehen.

„Uns geht es auch um Ehrlichkeit“, erklärt Achim Hübner, der Geschäftsführer des Landvolks Göttingen. Wenn der Verbraucher nicht bereit sei, mehr für das Tierwohl zu bezahlen, könnten Bauern mit diesem Ergebnis auch leben. Nur solle sich die Gesellschaft dann mit Kritik zurückhalten, ergänzt Karina Wulf vom Landvolk.

(Michael Caspar)

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