Laufkirmes als Dankeschön: Der Ursprung einer Tradition

Hier wurde einmal im Jahr gefeiert: Neben dem heutigen Burghotel und unterhalb der Burgruine (das Foto entstand in den 1950er-Jahren und stammt aus dem Archiv von Bernd Dietrich) trafen sich die Nörtener und Bishäuser nach der Ernte zu einem Fest. Hier fand auch die begehrte Laufkirmes statt. Foto:  nh

Nörten-Hardenberg. Bis in 19. Jahrhundert wurde in Nörten-Hardenberg das Ende der Erntezeit mit einem bsonderern Wettstreit gefeiert.

Im Hochmittelalter unterstand Nörten-Hardenberg dem Bistum von Mainz. Weil Erzbischof Gerhard II bei den von Hardenbergs mit 500 Mark in der Kreide stand und diese Schulden nicht begleichen konnte, verpfändete ihnen der Geistliche anno 1303 Nörten und Bishausen. Damit einher gingen für die Bewohner unangenehme Abgaben und Hand- und Spanndienste. Einmal im Jahr wurden sie allerdings zum Feiern eingeladen.

Der in der Nörtener Geschichte bestens bewanderte Hermann Hüter erläutert, dass die Hardenberger von da an nicht mehr nur Burgmannen auf der erzbischöflichen Burg auf dem sogenannten Beverstein waren, sondern zugleich auch die Gerichtsherren, denen jeder Hausbesitzer der beiden Orte. Jeder Hausbesitzer war verpflichtet, im Frühjahr ein Festtagshuhn und im Herbst einen Zinshahn zu geben. Doch das war längst nicht alles. Von jedem Fass Nörtener Bier erhielten die Hardenberger den Kopenschilling. Vom Ackerland ging der Zehnte an den Grundherrn.

Hand- und Spanndienste

Am Unangenehmsten waren die Spanndienste. Die Gerichtsherren forderten von jeder Nörtener und Bishäuser Hofstelle (Haus mit Garten) einen Tag pro Woche einen gesunden Mann zum Dienst auf ihren Gütern, zum Beispiel in Levershausen. Wer keine Pferde besaß, verrichtete die Arbeiten mit seinen Händen. „Das nannte man Handdienste“, erläutert Hüter. Die Dienstpflichtigen wurden vom Gut Hardenberg an diesen Tagen mit Brot, Käse, Wurst und Bier verpflegt.

Pferdebesitzer hatten mit ihrem Gespann zum Dienst zu erscheinen, um auf dem Hardenberger Gelände zu pflügen, zu eggen, um Mist, Heu, Korn oder Steine zu fahren oder im Wald Holz zu rücken. Das waren die Spanndienste. Zu manchen Arbeiten wurden auch Frauen oder junge Mädchen benötigt. Erst nach der Steinschen/Hardenberger Reform von 1833 wurden die ungeliebteen Dienste abgelöst.

Kleidung als Belohnung

Bis dahin fand jährlich nach Beendigung der Erntezeit die beliebte Hardenberger Laufkirmes statt. An einem Sonntagnachmittag versammelten sich die Dienstpflichtigen mit ihren Famlien auf der großen Wiese östlich des heutigen Burghotels, der damaligen Hardenberger Mühle, unterhalb der Burgruine. Dort wurde richtig gefeiert. Bei Freibier und Essen spielte eine Kapelle zum Tanz auf.

Vorher fand ein Wettrennen statt, an dem sich alle beteiligen konnten. In einer Entfernung von 80 bis 100 Schritt von der Startlinie aus waren mehrere Stangen in den Boden eingeschlagen, an denen verschiedene Kleidungsstücke, bunte Tücher, Westen, Mützen, Schals, Handschuhe und Strümpfe aufgehängt wurden. Auf ein Trompetensignal hin stürmte die Teilnehmer los, um ein Kleidungsstück zu gewinnen. Dieses Spektakel lockte jährlich eine Menge neugierige Zuschauer aus der näheren Umgebung an, die die Wettkämpfer anfeuerten.

Kräftig gefeiert 

Nach dem Wettstreit wurde bis in die späte Nacht kräftig gefeiert. So berichtet es der Hardenberger Amtmann Leckemann. Mit Beginn der Ablösung der Pflichtdienste endete auch die so beliebte Laufkirmes unterhalb der Burgruine. (ajo)

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.