Fälschlich Inhaftierter schob Ermittlungen an

Unschuldiger in Haft: Nach elf Jahren wurde der wahre Täter verurteilt

Nörten-Hardenberg. Elf Jahre nach der versuchten Vergewaltigung einer Studentin verurteilte das Landgericht Göttingen einen 34-Jährigen aus Nörten-Hardenberg zu einer Freiheitsstrafe. Zuvor hatte ein Unschuldiger in Haft gesessen.

Er erhielt eine Strafe von einem Jahr und neun Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Es war bereits das vierte Urteil in dem Fall. Zweimal war ein iranischer Doktorand verurteilt worden, dieser musste fast ein Jahr in Untersuchungshaft sitzen. Auf seine Revision hin erhielt er im dritten Prozess einen Freispruch. Dass die Ermittler doch noch dem Täter auf die Spur kamen, hatten sie unter anderem dem zweimal unschuldig Verurteilten zu verdanken: Dieser hatte einen Mitinsassen gebeten, ihm bei der Suche nach dem Täter zu helfen - und die Suche hatte Erfolg.

Der Täter hatte die damals 23-jährige Studentin, die nach einer Party mit dem Fahrrad unterwegs nach Hause war, auf dem Campus in der Nähe des Zentralen Hörsaalgebäudes der Universität Göttingen angegriffen. Er zwang sie, vom Fahrrad abzusteigen, packte sie am Hals, würgte sie und zog ihr die Jeans herunter. Glücklicherweise hatte ein Zeuge die Hilfeschreie der jungen Frau gehört und war dazwischen gegangen. Die Identität des Täters blieb zunächst ungeklärt.

Drei Monate nach der Tat rief die Frau die Polizei an, weil sie in der Innenstadt einen Mann gesehen hatte, den sie für den Täter hielt. Der Verdächtige, ein Doktorand aus dem Iran, bestritt die Tat. Sowohl das Amtsgericht als auch das Landgericht hatten keinen Zweifel an seiner Schuld und verurteilten ihn zu einer mehrjährigen Haftstrafe. Im Revisionsverfahren wurde er schließlich frei gesprochen.

Der unschuldig Verurteilte hatte sich während seiner Untersuchungshaft an einen ebenfalls einsitzenden Landsmann gewandt, der viele Kontakte zu einschlägigen Kreisen in Göttingen hat. Dieser erfuhr bei seinen Recherchen, dass sich ein Mann mit der Tat gebrüstet hätte, dessen Vorname bekannt war. Die „Privatdetektive“ brachten außerdem ein Foto von dem Mann bei. Im vergangenen Jahr wandte sich der ursprüngliche Tatverdächtige dann an die Staatsanwaltschaft.

Trotz des teilweise bedrohlichen und beleidigenden Charakters seiner Emails habe man die Ermittlungen wieder aufgenommen, sagte die ermittelnde Polizeibeamtin. Als die Polizisten den Döner-Laden aufsuchten, wo das Foto entstanden war, trafen sie auf einen Mann, der sowohl dem Phantombild als auch dem unschuldig Verurteilten stark ähnelte. Der aus dem Irak stammende Verdächtige bestritt die Tat. Eine DNA-Untersuchung ergab jedoch, dass sich an der Kleidung des Opfers eindeutig seine Merkmale befanden.

Vor Gericht gestand der Angeklagte die Tat. Der Fall zeige „die große Verantwortung, die wir in unserem täglichen Berufsleben haben“, sagte der Vorsitzende Richter August-Wilhelm Marahrens mit Blick darauf, dass die Justiz zunächst einen Unschuldigen im Fokus gehabt habe. Als Bewährungsauflage muss der 34-Jährige 200 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Das Urteil ist rechtskräftig. (pid)

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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