Selbstversuch an einer Felswand: Weiche Knie und die Hose voll

Blick ins Tal: Auf den letzten Metern gab’s keine Wandberührung mehr. Trotzdem setzte dort langsam die Phase der Entspannung ein. Fotos:  Dana Holstein (2)

Nörten-Hardenberg. Premiere für HNA-Redakteur Hans-J. Oschmann. Er hat sich zum ersten Mal an einer Felswand abgeseilt.

Ich stehe auf einem Sims der historischen Nörtener Burgruine. Mir schlottern die Knie, ich hab’ die Hosen voll und grübele, ob ich’s mache oder doch lieber wieder runtersteige.

Direkt vor mir tut sich ein schier unendlich tiefer Abgrund auf, den ich nicht einsehen kann. Das macht die Sache noch schlimmer. Seile ich mich an dem alten Gemäuer ab oder lass ich die Finger davon? Mir schießen viele Gedanken durch den Kopf.

Ich stecke bereits im Beckengurt, den Sven Frings vom Göttinger Roxx-Kletterzentrum gerade festgezurrt hat. Er zieht die beiden nach unten führenden Seile durch einen Metallhaken und erklärt, dass ich damit selbst mein Tempo bestimmen kann, wie schnell ich nach unten will.

Der hat gut reden, er beruhigt mich. „Es kann nichts passieren, Du hängst hier ganz sicher drin. Außerdem hält Dich mein Kollege Arne am Seil!“ Ich überlege immer noch. Die Überwindung, irgendwie über diese Steinkante zu kommen, lassen ständig neue Zweifel aufkommen. Ich gehe auf die Knie wie mein Vorgänger Johannes Opolka, verlagere mein Gewicht nach hinten. Jetzt oder nie, das Abenteuer nimmt seinen Lauf.

Ganz ehrlich: Ich möchte nicht sehen, wie mein ängstliches Einsteigen in die Felswand im Video aussieht. Jetzt hänge ich im doppelten Sinn - ich an der Wand und mein Haken an der Kante. Sven löst das Teil und ganz langsam gebe ich ein bisschen Seil nach.

Die Anspannung ist enorm, aber jetzt fühle ich mich etwas befreiter. Sven ruft ein paar aufmunternde Worte hinterher und ich konzentriere mich auf die beiden Seile, die ich mit beiden Händen festhalten und bedienen muss.

Mein Blick richtet sich überwiegend auf die Wand, jeder nächste Schritt wird überlegt. Es funktioniert recht gut. Jetzt kommt das angekündigte nächste Hindernis. Nach einem Überstand verliere ich den Kontakt zur Wand und werde frei hängen. Der Übergang geht nicht problemlos von statten. Ich pendele ein bisschen und schramme mir den Ellenbogen. Dann hänge ich frei in der Luft und komme meinem Sicherungsmann Arne Göring immer näher - Stück für Stück. Geschafft, ich habe wieder festen Boden unter den Füßen, ein wirklich gutes Gefühl.

Es gibt ein paar lobende und anerkennende Worte. Und ja, ich bin glücklich und ein bisschen stolz auf mich, diese Herausforderung geschafft zu haben. Übrigens: Der schier unendlich tief wirkende Abgrund misst gerade mal 20 Meter. Von oben kam’s mir vor wie 100.

Die Knie sind immer noch ein wenig weich, aber die Anspannung fällt langsam ab. Mein Blickt schweift nach oben, wo Eva-Maria Iselin als Nächste über die Kante geht. Man, schaut das bei ihr professionell aus, sie genießt den Abstieg sichtlich, obwohl es für die 35-Jährige das erste Mal ist. Sie nimmt sich sogar die Zeit, in die Kamera zu lächeln und landet sicher.

Ihr Mann Ingo Seidensticker folgt - und das gleich mit einer Schrecksekunde. Er fängt gut an, kippt dann aber nach hinten ab und gerät mit dem Rücken gegen die Wand, während sein Fuß im Seil fest hängt. Sven befreit ihn, dann kommt auch er gut nach unten. Ein paar mentale Spuren hat dieser Moment bei dem 35-Jährigen schon hinterlassen. „Es war ein ziemlicher Schreck, aber ich hatte keine Todesangst.“ Würdest Du es noch einmal machen? „Ja“, sagt Ingo spontan, „aber sicher nicht gleich!“

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