1. Startseite
  2. Lokales
  3. Northeim
  4. Northeim

Ärger in Northeim: Stadt lässt Fahrräder ohne Vorwarnung räumen

Erstellt:

Von: Axel Gödecke, Kathrin Plikat

Kommentare

In Northeim waren die vielen scheinbar herrenlosen Fahrräder am Bahnhof ein Aufreger. Jetzt handelte die Stadt ohne Vorwarnung.

Northeim – Der Schreck saß: Als der Northeimer Kevin Kiefer nach Feierabend per Zug von seinem Büro in Göttingen nach Northeim zurückkam, war sein morgens am Fahrradständer abgestelltes und angeschlossenes Fahrrad weg. Geklaut, dachte er zuerst. Doch halt – die Geschichte entwickelte sich ganz anders.

Der Northeimer entdeckte nämlich an einem anderen Fahrrad einen Zettel, ausgestellt am selben Tag von einem Mitarbeiter der Stadt Northeim. Dort stand, dass die Stadtverwaltung dieses Zweirad innerhalb einer Frist entsorgen werde, wenn sich der Besitzer nicht meldet. Scheinbar waren aber über 20 andere Fahrräder sofort entsorgt worden – und das ohne Vorwarnung. Ein Anruf bei den Bürgerdiensten am nächsten Vormittag bestätigte Kiefers Ahnung. Die Stadt hatte zwischen 20 und 30 mutmaßlich „herrenlose“ Räder vom Ständer entfernt und nach Auskunft der Bürgerdienste noch am selben Tag bei einem Schrotthändler in Göttingen entsorgen lassen.

Das Fahrrad war weg: Kevin Kiefer ist hier an dem Fahrradständer zu sehen, an den er sein Rad angeschlossen hatte.
Die Stadt Northeim ließ herrenlose Fahrräder am Bahnhof wegräumen und sofort verschrotten. © Axel Gödecke

Firma aus Göttingen verschrottet Fahrräder - Mann meldet Stadt Northeim bei Polizei wegen Diebstahls

„Ich habe dann auf Anraten der Bürgerdienste gleich bei der Firma in Göttingen angerufen, doch von dort gab es nur die Auskunft, dass alle Räder bereits verschrottet sind.“ Eine Entschädigung in Höhe von 150 Euro, die Kiefer bei der Stadt für das zwar gebrauchte, aber voll fahrtüchtige und sogar mit neuem Kettenschutz, einem neuen Hinterreifen und neuen Bremsklötzen versehene Rad geltend machte, lehnte die Stadt ab.

Er könne sich stattdessen ein Fundrad aussuchen, das nach sechs Monaten nicht abgeholt worden sei. Das lehnt wiederum Kiefer ab. Und er ist sauer: „Es kann doch nicht sein, dass ohne Warnung Räder entsorgt werden, das ist ja Diebstahl“. Deswegen hat der Northeimer den Vorfall auch bei der Polizei gemeldet. Andere Städte machten solche Aktionen mit mehrwöchiger, schriftlicher Vorwarnung an den Zweirädern. Kiefer regt an, dass die Stadt dafür eine Regelung einführen sollte.

Stadt Northeim lehnt Schadenersatz ab - Betroffene sollen sich Ersatz aus Räderfundus aussuchen

Die Stadtverwaltung zeigt sich indessen auf HNA-Nachfrage nicht kompromissbereit. Sie entschuldigt sich zwar für den Vorfall, falls das betreffende Fahrrad doch nicht Schrott gewesen sei. Sie bietet allerdings weiterhin nur einen Ersatz aus dem Räderfundus des Fundbüros an.

Dass mehrere Fahrräder auf dem Park-und-Ride-Parkplatz am Bahnhof ohne Vorwarnung einfach geräumt wurden, sei nicht zu beanstanden. Das sehen andere Städte allerdings anders.

So verfahren andere Städte: Göttingen plant Vier-Wochen-Frist zur Fahrrad-Räumung

Die meisten Städte geben eine Warnung, bevor sie herrenlose Fahrräder entsorgen. In Göttingen passiert das zwei bis dreimal im Jahr, wobei laut Pressesprecher Dominik Kimyon jedes Mal über 200 Räder zusammenkommen. Die Stadt habe bislang nicht vorgewarnt, werde dies aber ab sofort tun, und zwar mit Banderolen mit vier Wochen-Frist zur Räumung.

Auch andere Städte wie zum Beispiel Hamburg, Köln, Nürnberg oder Berlin verfahren so. Sie geben allerdings per bandarolen Vorwarnungen aus mit Fristen zur Räumung zwischen zwei bis vier Wochen. 

SPD-Ratsherr Ernst: Stadt Northeim „nicht zum rechtswidrigen Handeln aufgerufen“

Den Stein für die „Aufräumaktion“ am Bahnhof ins Rollen gebracht hatte SPD-Ratsherr Berthold Ernst. Ernst, selbst passionierter Fahrradfahrer, hatte in einer Anfrage bei der Stadt darum gebeten, in Sachen „Fahrradleichen“ am Northeimer Bahnhof durchzugreifen.

Ernst hatte in der Anfrage vor gut einer Woche an den Bürgermeister appelliert, angesichts der Situation am Bahnhof im Bereich der Park-and-Ride-Anlage mit zahlreichen „Fahrradleichen“, die die Nutzung der Stellplätze massiv einschränkten und teilweise unmöglich machten, einzugreifen und die Fahrräder zu entfernen. Ernst: „Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Natur sich zwischenzeitlich die Flächen zurückholt und die Fahrräder und Fahrradreste langsam zuwachsen.“ Andere Städte würden nach den Worten des SPD-Ratsherren massiver vorgehen und die „Fahrradleichen“ entfernen.

Zwar begrüße Ernst auf der einen Seite, dass die Stadt Northeim inzwischen am Bahnhof aktiv geworden sei, auf der anderen Seite könne er das „harte Durchgreifen“ nicht ganz nachvollziehen: „Ich habe die Stadt nicht dazu aufgefordert, rechtswidrig zu handeln. Es gibt zu der Entfernung von Fahrrädern eine eindeutige Regelung. Aber das jetzige Handeln zeigt, dass die Stadt mit dem richtigen Umgang mit herrenlosen Fahrrädern keine Erfahrung hat.“ (Axel Gödecke und Kathrin Plikat)

Kosten kommen auf die Stadt Northeim auch wegen der Sanierung des Münsterplatzes zu.

Auch interessant

Kommentare