Mediziner wollen nicht kontrollieren

Ärzte kritisieren neue Gesundheitskarte wegen mangelnden Datenschutzes

Auch er hat die neue Karte: Patient Wolfgang Plümer zeigt sein Exemplar in die Kamera. Foto: nh

Northeim. Fast jeder hat sie bereits im Portemonnaie: die neue elektronische Gesundheitskarte (eGK) mit Passfoto und Speicherchip. Am 1. Januar 2015 löst sie endgültig die alte Krankenversicherungskarte ab. Gesetzlich Versicherte können dann nur noch mit der neuen Karte den Arzt aufsuchen. Mediziner kritisieren die neue Karte als nicht sicher.

„Ein Kernproblem der eGK ist die nicht geprüfte Identität der Versicherten“, sagt der Vorsitzende des Northeimer Ärztevereins Dr. Christian Steigertahl. Bei der Kartenherstellung werde die Identität der beantragenden Person nicht geprüft, auch nicht, ob die Person auf dem Foto den Karteninhaber zeige.

Dieser Mangel solle nun nach dem Willen der Krankenkassen quasi durch die Hintertür korrigiert werden. Jetzt sollen die Ärzte in den Praxen feststellen, ob die vorgelegte eGK auch tatsächlich der Person gehört, die die Karte vorlegt, fährt der Ärztevereinschef fort. Steigertahl: „Wir Ärzte sind jedoch nicht dazu da, Ausweispapiere zu kontrollieren. Und wir haben dazu auch keine rechtliche Grundlage.“

Wenn aber Patient, Karte und Daten auf dem Chip gar nicht zusammengehörten, sei nicht auszuschließen, dass der Arzt ungewollt Unbefugten Zugriff auf die Daten anderer erlaubt. Schließlich sei geplant, zum Beispiel Rezepte für verordnete Medikamente auf der Karte abzuspeichern, mit der der Patient in die Apotheke geht. Steigertahl: „Wenn das alles nicht sicher ist, ist die ärztliche Schweigepflicht verletzt.“

Einen Test der neuen Karte auf Praxistauglichkeit mit einem Online-Abgleich der Versichertenstammdaten (Name, Krankenversicherungsnummer, Versicherten- und Zuzahlungs-Status) über die Praxen sei immer wieder verschoben worden und soll jetzt erst im Oktober 2015 in 1000 Arztpraxen stattfinden. Steigertahl: „Ich glaube, dass danach die elektronische Karte, die bisher in der Entwicklung 3,5 Milliarden Euro gekostet hat, ad acta gelegt wird.“

Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (KGV) drängt auf eine schnellen Einsatz der elektronischen Gesundheitskarte auch im Onlinegebrauch zum Beispiel mit Speicherung von Rezepten und Arztberichten. „Der eigentliche Mehrwert dieser Karten muss endlich kommen“, sagt KGV-Pressesprecherin Claudia Widmaier. Schließlich sei viel Geld auch der Versicherten investiert worden. Die Ärztekritik hält sie für unberechtigt.

Zum einen seien Ärzte auch bisher schon verpflichtet zu melden, wenn Verdacht auf Kartenmissbrauch besteht. Zum anderen biete die Online-Aktualisierung von Stammdaten auf den Karten den Praxen eine Arbeitserleichterung.

Letztlich werden Patientendaten nur mit Zustimmung abgespeichert und das Ein- und Auslesen werde nur mit PIN-Nummer möglich, die noch ausgegeben werden soll. (goe)

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