Mediziner-Stellen bleiben lange unbesetzt

Ärzteverein: Helios fährt Klinik in Northeim vor die Wand

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Das Northeimer Helios-Krankenhaus.

Northeim. Der Northeimer Ärzteverein sorgt sich um die Zukunft des Krankenhauses in der Kreisstadt. Die Helios GmbH weist diese Vorwürfe zurück.

„Das Haus wird vor die Wand gefahren“, hat der Vorsitzende, Dr. Christian Steigertahl, Anfang August in einem Brief an den Vorstandsvorsitzenden des Fresenius-Konzerns, Stephan Sturm, geschrieben. Die Helios GmbH, Betreiber der Northeimer Klinik, gehört zu Fresenius. Sie weist die Vorwürfe zurück.

Steigertahl hat seinen Schriftverkehr seit Anfang des Jahres mit verschiedenen Ebenen von Helios und Fresenius der HNA zugänglich gemacht, nachdem es nach seinen Worten auf die darin vorgetragene deutliche Kritik an den Verhältnissen in der Klinik keinerlei Reaktion gegeben hat.

„Die Stimmung in der Bevölkerung ist schlecht“, heißt es in einem Brief, der im Januar an den Vorsitzenden der Helios-Geschäftsführung, Francesco de Meo (Berlin), gegangen ist. „‘Bloß nicht zu Helios’ hören wir Niedergelassenen (Ärzte, Ergänzung der Redaktion) täglich.“ Das Bild von Helios habe einen Tiefpunkt erreicht.

Der Vorsitzende des Northeimer Ärztevereins, Dr. Christian Steigertahl

Jüngster Kritikpunkt ist die Schließung der Onkologie- und Palliativstation zum 30. September. Außerdem bemängelt der Ärzteverein die hohe Personalfluktuation in der Klinik. Negativ sei auch, dass es Helios offenbar über Monate nicht gelinge, freie Arzt-Stellen wieder zu besetzen. Beispiele dafür sind laut Ärzteverein die Gastroenterologische Abteilung (für Magen- und Darmerkrankungen) und die Neurologie. Beide seien leer, heißt es in dem Brief an Fresenius-Chef Sturm. Für die Gynäkologie habe ein ganzes Ärzteteam seine Bewerbung wieder zurückgezogen.

„Wir niedergelassenen Vertragsärzte und Zuweiser brauchen diese Kompetenzen in unserem Krankenhaus“, betont Steigertahl in einem Brief an Helios-Regionalgeschäftsführer Franzel Simon (Schwerin). „Wenn sich bei Helios nicht grundsätzlich etwas ändert – Göttingen steht mit einer Entfernung von 20 km vor der Tür.“ 

Krankenhaus-Konzern weist Kritik zurück

Der Ärzteverein Northeim um Dr. Christian Steigertahl kritisiert nachdrücklich die Verhältnisse im Northeimer Albert-Schweitzer-Krankenhaus. In Fragen und Antworten hier Erläuterungen zu den kritisierten Punkten und Stellungnahmen von Helios.

Ist es eine generelle Kritik oder richtet sie sich an Personen? 

Marko Schwartz, Geschäftsführer der Northeimer Helios-Klinik.

Im Zentrum der Kritik des Ärztevereins steht der Klinik-Geschäftsführer Marko Schwartz, der seit rund anderthalb Jahren die Geschicke der Klinik führt. Schwartz „fehlt das Wissen und das Verständnis dafür, wie Rationalisierungen ohne Einschränkungen notwendiger Leistungen vorgenommen werden können“, kritisiert der Ärzteverein. Auch beziehe der Geschäftsführer die Ärzte des Krankenhauses in die Planungen nicht ein. Es fehle eine Verständigung darüber, wie vorhandene Mittel eingesetzt werden sollen, welche Schwerpunkte zu setzen sind und wie die Medizin zu betreiben ist.

Laut Ärzteverein liegt die Auslastung des Krankenhauses bei nur noch 50 Prozent. Was sagt Helios dazu? 

Auf einen Katalog von sieben Fragen zu der Kritik des Ärztevereins und die geplante Schließung der Onkologie-Station, den die HNA Helios schriftlich zugesandt hat, antwortete der Klinik-Konzern insgesamt zugeknöpft. „Aufgrund der Ferienzeit und der strukturellen Veränderungen versorgen wir derzeit insgesamt etwas weniger Patientinnen und Patienten als sonst üblich“, teilte Helios mit, ohne die vom Ärzteverein genannte Belegungsquote zu dementieren oder zu bestätigen.

Was wird aus der Onkologie-Station? 

„Im Zuge einer Neuausrichtung werden wir die stationäre Onkologie nicht mehr in der bisherigen Form anbieten“, bestätigte Helios. Der bisherige Chefarzt Jörg Seraphin werde ab 1. Oktober stationäre onkologische Patienten der Klinik als Konsiliararzt behandeln. Gleichzeitig werde Seraphin seine ambulanten Sprechzeiten im Medizinischen Versorgungszentrum Onkologie in Northeim erweitern. Die medizinische und pflegerische Qualität für die Patienten bleibe erhalten.

Wie erklärt sich Helios, dass viele Mediziner die Klinik verlassen und Ärztestellen monatelang unbesetzt belieben?

Im Zuge der Restrukturierungen komme es zu personellen Veränderungen: So geht der Chefarztwechsel in der Gastroenterologie (Prof. Dr. Tobias Meister verlässt die Klinik), mit einer Neuausrichtung des Bereiches Anfang des nächsten Jahres einher, kündigt Helios an. In der Gynäkologie werde der langjährige Chefarzt eher in den Ruhestand gehen und sein Team an einen von ihm mit ausgewählten Nachfolger übergeben. „Wir führen derzeit gemeinsam Gespräche“, heiße es aus der Klinik. Generell erforderten Nachbesetzungen im ärztlichen Bereich Umsicht und können im ländlichen Raum durchaus auch einige Zeit in Anspruch nehmen. 

Der Ärzteverein sieht auch eine Verkleinerung der Unfallchirurgie. Wie erklärt Helios das? 

Die Unfallchirurgie ist laut Helios ein Versorgungsschwerpunkt in Northeim, während die Orthopädie ein Versorgungsschwerpunkt in Bad Gandersheim ist. Diese Aufteilung zwischen den beiden Helios-Kliniken bestehe seit Anfang 2018. Es sei dabei in der Gesamtschau zu keiner Verkleinerung gekommen.

Hat Helios zu allen Kritikpunkten Stellung bezogen? 

Nein, auf die Situation der Neurologie ist Helios ebenso wenig eingegangen wie auf die konkret auf Geschäftsführer Schwartz bezogene Kritik. Unbeantwortet blieb auch, wie der schlechte Ruf der Klinik („Bloß nicht zu Helios“) zu erklären sei. Auch auf die Frage, ob es stimme, dass die Klinik, wie im Umfeld des Krankenhauses zu erfahren ist, seit Jahren Defizite erwirtschafte, gab es weder ein Dementi noch eine Bestätigung. Statt einer Antwort, ob es ein Konzept für einen Neustart der Klinik gibt, verweist der Konzern darauf, dass das Krankenhaus in seinen medizinischen Qualitätsergebnissen überwiegend über dem Bundesdurchschnitt aller Krankenhäuser liege.

Gibt es aus Sicht des Ärztevereins nichts Positives an der Northeimer Klinik? 

Doch. In den Briefen wird betont, dass die niedergelassenen Ärzte mit den Abteilungen von Dr. Jens Kuhlgatz (Allgemein- und Viszeralchirurgie), Prof. Wolfgang Schillinger (Kardiologie), Dr. Tobias Heinrich (Urologie) gut zusammen arbeiten. Das gelte bisher auch für die Abteilungen für Gynäkologie und Gastroenterologie, die nun vor einem Wechsel stehen.

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