Warten auf Corona-Hilfen

Northeimer Einzelhandel hat im Lockdown zu kämpfen

Northeimer Innenstadt im Hintergrund. Im Vordergrund eine Mund-Nasen-Maske
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Corona legt besonders den Innenstadteinzelhandel lahm, hier die Northeimer Fußgängerzone mit Corona-Mund-Nasenschutz.

Die versprochenen Finanzhilfen sind bei vielen Einzelhändlern in Northeim nicht angekommen.

Northeim – Die Situation für die Einzelhändler in Zeiten des seit Mitte Dezember geltenden zweiten Corona-Lockdowns ist brenzlig.

„Die Situation ist nicht einfach, aber wir versuchen das Beste draus zu machen“, sagt Michael Böhnert, Filialleiter des Modehauses Magnus in Northeim. Schon das ganze Jahr über sei der Umsatz deutlich geringer gewesen als normal. Mit dem erneuten Lockdown seien alle 20 Mitarbeiterinnen wieder in Kurzarbeit. Man versuche trotzdem, Kontakt zu den Kunden zu halten, beispielsweise durch Angebote über Facebook, die telefonisch bestellt und nach Vereinbarung über den rückwärtigen Eingang abgeholt und bargeldlos bezahlt werden können. Trotzdem fehle die persönliche Beratung sowie generell das Einkaufserlebnis, das es schon seit November mit dem damaligen Lockdown-Light nicht mehr gebe. Von den von der Politik angekündigten finanziellen Hilfen habe das Modegeschäft noch keinen Cent bekommen.

Das kritisiert auch Dr. Ralf Teichert, Inhaber des Elektronikkaufhauses Expert in der Südstadt. Die Finanzhilfen müssten über den Steuerberater beantragt werden: „Doch der weiß gar nicht wie, weil es keine Richtlinien dafür gibt.“ Betriebe ohne finanzielles Polster schafften das nicht lange. Teichert befürchtet eine große Insolvenzwelle von kleineren Geschäften. Er selbst werde die Krise überstehen, weil der Elektronikhandel im Coronajahr bislang profitiert habe. Zudem biete auch Expert einen Abholservice über den Werkstattbereich, der von 9 bis 18 Uhr offen haben dürfe, an. Die Waren seien alle online zu finden, sie würden auch geliefert oder versandt. Aber auch bei Teichert seien die Hälfte der Mitarbeiter jetzt in Kurzarbeit.

Auch Botho Gesecus, der in der Northeimer Innenstadt ein Fotogeschäft betreibt, ist zuversichtlich, dass sein Betrieb die Corona-Pandemie dank Rücklagen überstehen wird. Er ist froh, dass er zumindest mit fotohandwerklichen Tätigkeiten, wie zum Beispiel dem Anfertigen von Passbildern, seinen Betrieb derzeit am Laufen halten kann und ein wenig Umsatz erzielt. Dass die Betriebe einen Teil der Fixkosten vom Staat ersetzt bekommen, sei schon eine Erleichterung, allerdings sei immer noch nicht klar, wie die entsprechenden Anträge zu stellen sind. Die Höhe der Zahlung sei vom Umsatzverlust abhängig, erklärt Gesecus. „Das bedeutet, dass ich bei einem Verlust von 40 Prozent 30 Prozent der Fixkosten erstattet bekomme. Bei 100 Prozent sind es 90 Prozent.“

Botho Gesecus darf in seinem Fotofachgeschäft noch täglich von 10 bis 15 Uhr Passbilder für Ausweise und Bewerbungen anfertigen und verkaufen.

Unbefriedigend für den Handel sei außerdem, dass in vielen Bereichen mit zweierlei Maß gemessen werde. „Viele Fachgeschärfte dürfen zurzeit Dinge nicht anbieten, die aber in Lebensmittelmärkten oder Drogerien zu haben sind“, so Gesecus.

„Die Türen sind auf, aber keiner darf rein“, bringt Tobias Janus von der Buchhandlung Grimpe die aktuelle Situation auf den Punkt. Montags bis freitags von 10 bis 15 Uhr und samstags von 9 bis 13 Uhr können Kunden ihre vorbestellte Ware an einem Tisch vor dem Geschäft abholen. Telefonisch, per E-Mail oder über den Web-Shop können die Bücher vorbestellt werden, so Janus. Das würde auch den Umständen entsprechend gut angenommen. Er habe zum Glück viele treue Kunden, dennoch käme er nicht an den normalen Umsatz heran.

Einen Antrag auf Ausgleichszahlungen habe er jetzt im zweiten Lockdown noch nicht gestellt, so Janus. Im ersten Lockdown seien die Zahlungen viel unkomplizierter gleich für drei Monate zu beantragen gewesen und schnell geflossen, das sähe nun anders aus.

Jetzt seien die Rückzahlungen gestaffelt worden, je nach Umsatzausfall, zudem müssten die Anträge über den Steuerberater eingereicht werden und die Ausgleichszahlungen würden wohl geringer ausfallen. Da müsse er erst schauen, ob sich der Aufwand für ihn rechne, so Janus, denn selbstverständlich würde ja auch der Steuerberater seine Arbeitsleistung bezahlt haben wollen. „Die neue Lösung ist mäßig attraktiv“, so der Buchhändler.

Auch der Juwelier Frank Hünicke setzt keine großen Erwartungen auf die Unterstützungsleistungen des Bundes. „Da wird es nichts geben“, sagt er. „Wir müssen uns selber helfen.“ Seine Beschäftigten seien in Kurzarbeit.

Sein Webshop laufe gut. Auch den Reparatur-Service biete er an. Zudem sei es möglich, dass sich Kunden etwas aus dem Schaufenster aussuchten oder Gutscheine kauften, aber „überleben können wir damit nicht“, betont er. Der Juwelier befürchtet, dass durch den Lockdown die Wirtschaft ruiniert werde.

Anders als beim ersten Lockdown dürfen Bau- und Gartenmärkte dieses Mal nicht für Privatkunden öffnen. Das bekommt auch die Firma Schrader-Handel in Northeim stark zu spüren. „Wir bedauern das sehr, denn durch das fehlende Privatkundengeschäft haben wir starke finanzielle Einbußen, aber die Gesundheit geht vor“, sagt Niederlassungsleiter Siegbert Müller. Für etwa die Hälfte der 40 Mitarbeiter sei Kurzarbeit beantragt. Die andere Hälfte werde weiter benötigt für den Großhandelsbereich für Handwerker, der weiterhin offen bleiben darf. Auch die Beratung für Bauelemente laufe weiter. Auch bei Schrader-Handel seien noch keine finanziellen Hilfen eingegangen, sagt Müller. Der Betrieb werde die Krise allerdings meistern, zumal zum einen der Großhandelsbereich offen sei, andererseits private Kunden Bestellungen nach telefonischer Beratung (9 bis 17 Uhr) aufgeben können, die dann abgeholt werden können. Auch einen Lieferservice biete das Unternehmen.

Wieder geöffnet, wenn auch mit stark reduzierten Öffnungszeiten hat die Vinothek. Wie er erst jüngst erfahren habe, hätte er beim Beginn des Lockdown am 16. Dezember gar nicht schließen müssen, berichtet Inhaber Bernd Hahne.

Beim ersten Lockdown im Frühjahr habe er nicht schließen wollen. Doch habe die Kreisverwaltung mit Verweis auf die vom Land vorgenommene Unterscheidung von Lebensmitteln und Genussmitteln auf die Schließung bestanden. Geöffnet bleiben durften damals nur Lebensmittelgeschäfte.

Beim nun zweiten Lockdown ging Bernd Hahne davon aus, dass diese Unterscheidung nach wie vor besteht, schloss die Vinothek für Laufkundschaft und bot in der sonst umsatzstärksten Zeit des Jahres nur die Abholung oder Lieferung auf Bestellung an.

Nachdem er allerdings unter anderem von Lieferanten darauf angesprochen worden sei, wieso er geschlossen habe, während Weingeschäfte andernorts geöffnet hätten, fragte er bei der Kreisverwaltung nach. „Sie mussten gar nicht schließen“, habe er zur Antwort bekommen, erzählt Hahne. Inzwischen sei sein Ärger darüber abgeklungen, dass ihn niemand darüber informiert habe, dass es die Trennung von Lebens- und Genussmittel nicht mehr gibt. Dass er sich selbstständig hätte informieren müssen, räumt er ein. Weil es aber keinerlei Hinweise auf Veränderungen im Vergleich zum ersten Lockdown gegeben habe, habe er das nicht gemacht.

„Die Frequenz ist nicht da“, begründet er, wieso er sein Geschäft täglich nur von 10 bis 14 Uhr öffnet. Am Nachmittag liefert er die eingegangenen Bestellungen aus.

„Wir können überleben, aber nicht auf Dauer“, fasst er die geschäftliche Situation für seine Vinothek zusammen. Dazu trügen vor allem seine Stammkunden bei. Es sei wichtig, dass die Situation mit Corona in den Griff gebracht werde. Dazu, so hofft er, tragen der Lockdown und die übrigen Kontaktbeschränkungen bei.

Um einen weiteren Vertriebsweg zu erschließen, baut Hahne außerdem einen Webshop auf. Auf der Vinothek-Homepage sollen Kunden demnächst direkt Wein und Spirituosen bestellen können.

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