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Als Northeim zu Thalburg wurde

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Von: Kathrin Plikat

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Am 1. Mai 1933 fand in Northeim, hier ein Foto aus der Mühlenstraße, ein großer Aufmarsch der NSDAP-Ortsgruppe statt.
Am 1. Mai 1933 fand in Northeim, hier ein Foto aus der Mühlenstraße, ein großer Aufmarsch der NSDAP-Ortsgruppe statt. © Starchiv Northeim

Wie es war, als die Nationalsozialisten vor rund 90 Jahren die Provinz eroberten, hat der US-Amerikaner William Sheridan Allen 1966 in seinem Buch „Das haben wir nicht gewollt“ (Original „The Nazi Seizure of Power. The Experience of a Single German Town, 1930-1935“) beschrieben.

Northeim – Darin erzählt der Historiker, der in diesen Tagen 90 Jahre alt geworden wäre, wie es in der kleinen, fiktiven Stadt Thalburg in Südniedersachsen zur Geburt einer braunen Diktatur durch die Nationalsozialisten gekommen ist.

Nachdem die ersten Auflagen vergriffen waren, entschloss sich Allen jedoch, den „echten“ Namen dieser Stadt zu nennen: Northeim.

Bei seinen fast zweijährigen Recherchen, Allen arbeitete zu der Zeit nach seiner Promotion befristet an der Universität Göttingen, hatte er viele Gespräche mit Einwohnern von Northeim geführt, mit vielen damaligen Gesinnungsgenossen der NSDAP, darunter Geschäftsleute und städtische Angestellte.

Nach einem Geschichtsstudium in Michigan, Connecticut und Minnesota promovierte Allen an der Freien Universität Berlin.

Während seiner Arbeit in Göttingen fasste er den Entschluss, eine Studie darüber zu schreiben, wie eine deutsche Kleinstadt Anfang der 1930er-Jahre von demokratischer Grundstimmung ins Totalitäre fallen konnte. Wegen der guten Eisenbahnverbindung fiel seine Wahl für die Studie damals auf Northeim, das er in seinem Werk anonymisiert „Thalburg“ nannte, so wie er auch alle Personen, mit denen und über die er in diesen beiden Jahren in Northeim Gespräche führte, in der Veröffentlichung mit Pseudonymen versah.

Während die Studie 1966 in Deutschland erschien – heute wird sie im Internet zum Teil für drei- oder vierstellige Summen gehandelt –, erhielt das Buch in den USA zehn verschiedene Auflagen.

Später wurden schließlich die Pseudonyme weggelassen und alle Northeimer Personen mit Klarnamen genannt. In seinem Werk schreibt der Historiker, wie in Northeim 1933 die NSDAP-Ortsgruppe von Januar bis Mai von weniger als 300 auf über 1200 Mitglieder anschwoll. Schon kurz danach hatte die NSDAP Northeim „fest im Griff“, wie Allen schreibt. Und die, die die Nationalsozialisten nicht wollten, waren in der Stadt schnell gesellschaftlich isoliert und politisch mundtot.

Allen selbst arbeitete über 30 Jahre als Dozent und Professor für Deutsche Geschichte an der State University of New York in Buffalo.

Dort starb er am 14. März 2013 im Alter von 80 Jahren. (Kathrin Plikat)

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