Mit Betrügereien Spielsucht finanziert

Amtsgericht Northeim: 27-Jähriger muss ins Gefängnis

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Seine Sucht im Bereich Sportwetten hatte die berufliche Laufbahn des Angeklagten ruiniert. Foto:

Northeim. Therapie statt Gefängnis. Das wäre für das Northeimer Schöffengericht unter dem Vorsitz von Dr. Martin Rammert die richtige Lösung für den 27-jährigen Angeklagten gewesen, weil er offensichtlich spielsüchtig ist und ohne stationäre und ambulante Hilfen nicht von seiner Sucht befreit werden kann.

Dies ist bei Rauschgift-, aber nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs, nur in gravierenden Ausnahmefällen bei Spielsüchtigen, möglich. So verurteilte das Schöffengericht den Angeklagten zu zwei Freiheitsstrafen von zusammen drei Jahren ohne Bewährung wegen gewerbsmäßigen Betrugs, den er zur Finanzierung seiner Zockersucht beging. Dabei attestierte ihm das Gericht eine eingeschränkte Schuldfähigkeit.

Außerdem muss er den Gesamtschaden in Höhe von knapp über 10 000 Euro und die Gerichtskosten begleichen.

Der voll geständige Angeklagte soll nach den Vorstellungen des Gerichts und nach seinem eigenen Wunsch bereits im Gefängnis psychologische Hilfe bekommen und nach der Haft, die möglicherweise verkürzt werden kann, zunächst eine stationäre Therapie antreten. Der Richter. „Sie sind zum Erfolg verdammt. Für jede weitere Straftat bekommen Sie eine erneute Freiheitsstrafe ohne Bewährung.“ Bewährung konnte es nicht geben, weil sich seine fortgesetzten Betrügereien im Laufe der vergangenen sechs Jahre aufsummiert und bereits zuvor zu insgesamt fünf Verurteilungen geführt hatten, darunter drei mit Bewährungen. Damals hatte sich schon eine stationäre Therapie angeschlossen. Eine nachfolgende, ambulante Fortsetzung brach er jedoch ab: „Ich dachte, ich bin stark genug.“ Eine krasse Fehleinschätzung, stattdessen zockte er weiter.

Besessen war er von Sportwetten, die die berufliche Laufbahn des jungen Mannes ruiniert haben. Dabei sah eigentlich alles gut aus: Nach dem Abitur ging er zur Polizei. Dort flog er aber wegen seiner Zockerei nach zweieinhalb Jahren raus. Dann arbeitet er als Maschinenbediener und versuchte sich erfolglos als Student. Eine kaufmännische Ausbildung konnte er nach einem Ausbilderwechsel schließlich erfolgreich in der seit Mai laufenden Untersuchungshaft abschließen, wofür er sich ausdrücklich bedankte.

Eigenen Worten zufolge führte er ein Doppelleben. Bei der Arbeit habe er nur funktioniert und ansonsten nur an die Zockerei gedacht. Für die Geldbeschaffung ging er im Wesentlichen immer nach dem gleichen Muster vor. Er verkaufte über Facebook, WhatsApp und Ebay Eintrittskarten für Konzerte, Fußballspiele und andere Veranstaltungen, obwohl er sie gar nicht besaß. Um über 30 Fälle ging es in der jetzigen Verhandlung.

Das Geld dafür ließ er sich unter anderen auf sein Konto überweisen, zweimal ließ er es sich persönlich übergeben und ließ dabei sogar jeweils seinen Personalausweis abfotografieren. Damit war er problemlos zu identifizieren.

Die Sucht war die eine Seite. Die andere machte die Staatsanwältin deutlich. Er hatte Menschen bewusst betrogen, sie um ihr Geld und die Freude über ein Erlebnis gebracht. Sie unterstellte ihm, dass er dabei strukturiert gehandelt habe. Als Beleg dafür führte sie seine Hinhaltetaktiken mit Textbausteinen an, die er gegenüber den Betrogenen angewendet hatte, um sie wegen der ausbleibenden Karten zu vertrösten. Außerdem habe er es geschafft, zur Arbeit zu gehen.

Eine eingeschränkte Schuldfähigkeit, die sich strafmindernd auswirkt, wollte die Staatsanwältin ihm nicht einräumen. Sie plädierte deshalb auf eine Gesamtstrafe von drei Jahren und sechs Monaten unter Einbeziehung des vorangegangenen Urteils.

Der Haftbefehl gegen den 27-Jährigen bleibt bestehen. Der Angeklagte sagte, er bereue seine Taten. Außerdem entschuldigte er sich. Und vor dem Gerichtssaal wartete die ganze Zeit seine Mutter. Sie und seine Oma seien die einzigen Menschen, die noch zu ihm stünden.

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