INTERVIEW mit TV-Moderator

Arnd Zeigler über Amateurfußball und das Fan-Sein: „Ein ganz eigener Mikrokosmos“

TV- und Radiomoderator Arnd Zeigler hinter einem Mischpult. Neben ihm steht der Stadionsprecher der SG Eintracht Denkershausen/lagershausen
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Arnd Zeigler (Mitte) als Stadionsprecher bei der SG Eintracht Denkershausen/Lagershausen: Gemeinsam mit dem Vorsitzenden Patrick Tröster kommentierte er das Derby gegen den FC Sülbeck/Immensen.

TV- und Radiomoderator Arnd Zeigler war kürzlich als Stadionsprecher bei der SG Eintracht Lagershausen/Denkershausen im Einsatz. Zeit für ein Exklusiv-Interview.

Denkershausen – Arnd Zeigler sprach mit uns über Amateurfußball, das Fan-Sein, eine neue Art der Empörungskultur im Netz und warum wir vermutlich alle keine Fußballfans wären, wenn immer schon alles so gewesen wäre, wie es jetzt ist.

Herr Zeigler, wir sitzen hier bei bestem Wetter direkt am Spielfeld – der perfekte Ort, um über Amateurfußball zu sprechen. Was bedeutet Ihnen Amateurfußball?
Ich merke an so einem Tag wie heute, wo ich hier wirklich auf dem Land bin, wie sehr mir das eigentlich fehlt, regelmäßig zum Amateurfußball gehen zu können. Das kann ich bei mir zu Hause nie, wegen meiner eigenen Sendungen, weil ich am Wochenende immer durcharbeite. Was ich wirklich sehr mag am Amateurfußball, ist, dass es wirklich wie ein kleiner Mikrokosmos ist.
Ein Mikrokosmos?
Ja, jedes Dorf hat irgendwie seinen eigenen Verein, sein eigenes Vereinsheim, seine eigene Tradition und Geschichte. Da hinten zum Beispiel, da sitzen Zuschauer, die gehen bestimmt seit 50 Jahren hier zu diesem Verein. Nan hat eigene Stars wie den Torjäger der Mannschaft und man hat fast so etwas wie eine eigene Vereinskultur. Und das ist alles wie eine eigene, kleine Welt, von der man nichts ahnt, wenn man da nicht irgendwann einmal eintaucht. Und deshalb ist es total schön an so einen Ort zu kommen. Die haben hier vorhin noch gestrichen, weil heut Jubiläum ist – das ist einfach rührend. Ich finde das toll!
Das hören die Denkershäuser sicherlich gerne.
Und natürlich ist das jetzt Klischee, aber man hat an diesem Verein alles, was man am Fußball mal ursprünglich mochte. Und was man beim ganz großen Fußball, wo man sich darüber ärgert, dass eine WM in Quatar ist und dass immer die gleiche Mannschaft Meister wird, und die Champions League einen nicht mehr interessiert – dass ist hier alles das Gegenteil davon. Hier hat man quasi die Essenz dessen, was man am Fußball eigentlich mal irgendwann mochte, als man als Kind angefangen hat, sich dafür zu interessieren.
Schade, dass dieser Fußball-Mikrokosmos auf dem Weg nach oben immer mehr verloren geht...
Sehr schade, zumal das auch immer schlimmer geworden ist. Als ich klein war hat man noch Vereine gehabt, die konnten zum Beispiel, weil sie eine gute Jugendarbeit hatten, viermal hintereinander aufsteigen. Die konnten auch mal überraschend einfach in die 2. Liga aufsteigen. Heute fängt das bei der fünften Liga an, dass man Geld braucht, um da irgendwie mitspielen zu können.
Wie beurteilen Sie die generelle Entwicklung im Fußball?
Mein Kernthema ist seit einigen Jahren die Frage: Wären wir wirklich Fans, wenn es immer schon alles so gewesen wäre, wie jetzt? Das ist die Frage, die ich ganz oft stelle – auch mir selbst – und ich glaube, man muss sie leider mit „nein“ beantworten.
Das ist hart. Aber warum?
Die Bundesliga, der ganz große Fußball, wenn das immer alles schon so gewesen wäre, wie jetzt, hätten wir diese Herzensbindung zu dem Sport nie entwickeln können. Und dann wären wir nie so sozialisiert worden mit Fußball, wie wir es sind. Wenn wir über die Entwicklung in der Bundesliga sprechen, dann finde ich es erstaunlich, dass man im Zuge von Corona jetzt eigentlich zum ersten Mal eine Situation hat, wo man plötzlich merkt, die Vereine müssen erst Geld einnehmen, bevor sie welches ausgeben können. Das hat man ja früher nie gehabt.
Nicht? Wie lief es denn da?
Früher hat man gesagt „Ach, komm… notfalls gehen wir eben mal mit vier Millionen in die Miese, um uns einen Spieler zu holen, den wir uns eigentlich nicht leisten können.“ Schalke 04 ist daran nahezu kaputt gegangen und ist jetzt ganz am Rande des Abgrundes, finanziell. Andere Vereine auch: Werder Bremen hat eine ganz schwierige Zeit, der HSV sowieso schon. Kaiserslautern ist ein Traditionsverein, der ganz weit abgesackt ist. Man merkt jetzt, dass, wenn Corona irgendetwas Gutes hat, es zu einer Rückbesinnung führt, dass die Leute feststellen: „Wir müssen unseren Verein auf sichere Füße stellen, damit er nicht komplett verschwindet.“
Aber gibt es diese Rückbesinnung wirklich?
Naja, ich glaube, dass sie gerade stattfindet. Aber dass sie auch sehr schnell wieder vergessen sein wird, wenn sich die Situation normalisiert hat. Ich würde mir wünschen, dass so ein bisschen Nachhaltigkeit übrig bleibt. Ich finde, dass es einfach der falsche Weg ist, wenn Vereine auf Pump – und so kennen wir ja den Fußball – versuchen, irgendetwas zu erzwingen. Das scheint jetzt vorbei zu sein.
Hören Sie sich auf Sportplätzen gern die Meinungen der Leute zum Thema Fußball an?
Ja, total gerne. In meiner Sendung sitze ich ja relativ alleine und habe wenig Kontakt. Und ich stehe auch nicht so auf die Rückmeldungen, die aus den Soziale Medien kommen. Das, was du hier an so einem Sportplatz bekommst, das ist das eigentlich Echte an Gesprächen und an Meinungen und an Austausch, den du haben kannst. Die haben, wie wir auch, seit Jahrzehnten ein Herz für den Fußball und mögen das, was sie hier erleben und das sind die Gespräche und Begegnungen, die richtig wertvoll sind.
Hasskommentare, eines der Themen unserer Zeit. Wie nehmen Sie das wahr?
Ich glaube, da hat sich ziemlich viel in eine wirklich verhängnisvolle Richtung entwickelt. Das merke ich immer wieder. Und mir ist auch in Bezug auf Fußball aufgefallen, dass ist aber eine Entwicklung, die wirklich auch mit der Gesellschaft einhergeht, dass so eine Empörungskultur gewachsen ist. Dass die Sozialen Medien sich eigentlich zu einem Ort entwickelt haben, wo sich Menschen versammeln, um gemeinsam jemanden zu hassen. Das ist eine sehr große Triebfeder bei manchen, dass man eine Sache hasst, oder einen Künstler, oder einen Politiker.
Wie war das früher?
Vor fünf, sechs Jahren hatte man in den Sozialen Medien immer noch das Ideal, dass alle miteinander reden und sich austauschen müssen. Vielleicht konnte man dann sogar andere von seiner Meinung überzeugen, beziehungsweise, vielleicht konnte man sich auch andere Meinungen anhören und wurde selbst überzeugt. Aber das ist alles weg.
Wie bewahrt man sich da den Spaß?
Zum einen durch Filtern und Selektieren. Zum anderen, indem man auf Sportplätze wie hier in Denkershausen geht. Wenn man sieht, was für ein Aufwand hier betrieben wurde, um eine 100-Jahr-Feier von einem kleinen Dorfverein zu gestalten. Das ist das, wo einem innerlich dann wieder das Herz aufgeht. Denn das ist eigentlich Fußball. Nicht Leute, die sich im Internet beschimpfen. Sondern Leute, die hier den Rasen riechen, auf dem Platz stehen und ihre Mannschaft anfeuern. Das ist das, was Fußball irgendwann am Anfang mal ausgemacht hat. Und wo wir nie vergessen dürfen, wo das alles herkommt.
Schauen Sie sich die WM in Katar an?
Das weiß ich – ehrlich gesagt – wirklich noch nicht. Wenn sich bis dahin nicht noch ganz viele Dinge in meinem Bewusstsein ändern, dann wird das eine Weltmeisterschaft, wo wir alle wissen: da sind ein paar Tausend Zwangsarbeiter ums Leben gekommen, sie ist durch Korruption entstanden und die Fifa hat uns alle für dumm verkauft, indem wir alle immer wieder Dinge erfahren, die eigentlich dazu führen müssen, dass man diese WM sofort absagt oder woanders hin vergibt. Und die Fifa zieht sich komplett zurück auf eine Position des Achselzuckens und die sagen: „Ja okay, das ist doof alles. Aber wir machen die WM trotzdem.“ Und darüber werde ich mich, glaube ich, nicht hinwegsetzen können. Ich werde sie vielleicht aus beruflichem Interesse gucken müssen. Aber ich werde mich nicht darauf freuen. Das ist die erste Weltmeisterschaft meines Lebens, auf die ich mich nicht freue.

ZUR PERSON

Arnd Zeigler (56) ist in Bremen geboren und lebt dort mit seiner Familie. Er ist Radio- und TV-Moderator, Journalist, Autor und Stadionsprecher des SV Werder Bremen. In seiner Sendung „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ (WDR) widmet er sich seit 2007 den Geschehnissen im Profi-, aber auch im Amateurfußball. 

Die SG Eintracht Denkershausen/Lagershausen im WDR

Wer sehen möchte, wie Arnd Zeigler als Stadionsprecher bei der SG Eintracht Denkershausen/Lagershausen im Einsatz war und was dort alles passiert ist, sollte am Sonntag, 12. September, um 22.15 Uhr den Fernseher einschalten. Dann gibt es eine neue Folge von „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“.

(Melanie Zimmermann)

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