Immer mehr Dateien im Umlauf

Bis zu einer Million Bilder: Kinderpornografie beschäftigt Northeimer Polizei

Northeim. Bei der Polizeiinspektion Northeim-Osterode sichten zwei Sachbearbeiter an manchen Tagen tausende abartiger Fotos. 

Es sind Szenen, die schon gedanklich kaum zu ertragen sind: Ein Mann uriniert und kotet auf ein Kleinkind. Auf einem anderen Foto wird ein Säugling sexuell missbraucht. 25 Fälle von Kinderpornografie liegen gerade zur Bearbeitung auf den Schreibtischen der Northeimer Ermittler.

Der Besitz solcher Bilder und Videos ist genauso verboten, wie die Verbreitung. Am härtesten bestraft wird aber die Herstellung, berichten Oliver Tschirner, Leiter des Zentralen Kriminaldienstes der Polizei, und Lutz Exner, Leiter des für Kinderpornografie zuständigen Fachkommissariats.

Bekommen die Northeimer Ermittler einen Hinweis auf eine Tat, die mit Kinderpornografie im Zusammenhang steht, werden die Ermittler sofort tätig. Hinweise gibt es oft vom Bundeskriminalamt, aus der Bevölkerung, aber auch von ausländischen Ermittlungsbehörden, weil die Server, über die die digitalen Medien vertrieben werden, auch in Kanada, Indien oder China stehen.

Natürlich werden die Ermittler auch selbst aktiv, unter anderem in sozialen Netzwerken wie Facebook oder einschlägigen Foren.

„Liegt ein hinreichender Tatverdacht vor, erwirken die Ermitttler einen Durchsuchungsbeschluss für die Wohnung des Verdächtigen“, sagt Lutz Exner. Dort achten die Polizisten auf alle Details: Ist der Verdächtige alleinstehend, hat aber trotzdem ein Kinderzimmer eingerichtet? Gibt es Videokameras? Sieht die Blümchentapete über dem Bett so aus, wie die auf den Fotos?

Alle internetfähigen Datenträger werden beschlagnahmt, auch Spielekonsolen. Die Dateien darauf werden von einem speziellen Computerprogramm vorselektiert, alles, was unauffällig ist, wird aussortiert. Dann beginnt die Arbeit der beiden Sachbearbeiter. 

Oft sind es unfassbare Mengen an Dateien, die gesichtet werden müssen: „Noch vor einigen Jahren wurde ein Stapel kinderpornografischer Fotos quasi hinter der Ladentheke hin- und hergetauscht. Jetzt, mit dem Handel im Internet, reden wir über Dateien mit Terabyte-Größe“, sagt Lutz Exner. Bedeutet: Die Ermittler müssen manchmal bis zu einer Million Fotos oder Videos begutachten. 

Bei einem Fall in Northeim hatte ein Verdächtiger allein auf seinem Smartphone 60 000 Fotos gespeichert. Eine Sichtung kann Wochen bis Monate dauern. Die Beamten arbeiten mit Rechnern mit einer speziellen Software, die nicht gehackt werden kann: „Unsere Ermittler würden sich selbst strafbar machen, wenn sie die Dateien aus Versehen an eine falsche E-Mail-Adresse verschicken würden“, erläutert Oliver Tschirner. 

„Wir müssen jedes einzelne Foto angucken“, sagt einer der Ermittler im Gespräch mit der HNA. „Dass das keine angenehme Arbeit ist, kann sich jeder denken. Und niemand reißt sich bei der Polizei um den Job.“ Während der Sichtung erfolgt die Klassifikation: Schon ein zur Schau gestellter, nackter Kinderpo gehört zum Deliktfeld Kinder- oder Jugendpornografie. Sind die gezeigten Kinder zwischen null und 14 Jahren alt, spricht die Polizei von Kinderpornografie, von 15 bis 18 Jahren von Jugendpornografie. 

Darum ermittelt die Polizei ab und an auch in Schulen. Dort werden von Schülern aus ihrer Sicht lustige Videos mit pornografischen Szenen mit Kindern oder Jugendlichen hin- und hergeschickt. Lutz Exner: „Die Jugendlichen machen sich vermutlich gar keine Gedanken darüber, dass sie sich damit ebenfalls strafbar machen.“ Alle Smartphones werden dann von den Beamten konfisziert und ausgewertet. 

„Und die Jugendlichen bekommen ihre Handys im Anschluss nicht wieder“, betont Exner. Das ist für Jugendliche oftmals eine schlimme Strafe, sagen Lutz Exner und Oliver Tschirner – allerdings mit einer gewissen Ironie. Denn aus Sicht der Beamten ist die Bestrafung für Kinderpornografie in all ihren Facetten in Deutschland viel zu niedrig. 

Im Landkreis Northeim wurde kürzlich ein Täter, der Unmengen an kinderpornografischen Dateien auf dem Rechner hatte, zweimal zu Bewährungsstrafen verurteilt. „Die Strafen stehen in keinem Verhältnis zu dem Leid, das die Kinder ertragen müssen“, sagt Tschirner. Seiner Meinung nach sollten die Gerichtsurteile eine abschreckendere Wirkung haben. Täter, die keine Bewährung erhalten, kommen bei der ersten Verurteilung meist mit einer Geldstrafe davon. 


Rubriklistenbild: © dpa

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