Ehefrau schildert bei Prozess wegen zweifachen Mordversuchs die beiden Überfalle ihres Mannes

Brutale Attacken kamen völlig überraschend

Statue der Justitia
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Statue der Justitia (Symbolbild).

Göttingen / Northeim – Im Prozess um einen zweifachen versuchten Mord hat eine 52 Jahre alte Frau aus Northeim vor dem Landgericht Göttingen an zwei Prozesstagen die zwei Gewalttaten ihres Ehemannes geschildert.

Der 60-Jährige muss sich seit Mitte Juni wegen zweifachen versuchten Mordes vor dem Landgericht Göttingen verantworten. Die 52-Jährige, die in dem Prozess als Nebenklägerin auftritt, erlitt dabei zahlreiche Verletzungen. Sie schilderte jetzt die Umstände und den Ablauf der ersten Tat. Vor vier Wochen hatte sie berichtet, wie ihr Mann Anfang Dezember abends im Schlafzimmer auftauchte, ihr ein Messer an den Hals hielt und erst von ihr abließ, als die Kinder ihrer Mutter zu Hilfe kamen. Nun hat sie auch den zweiten Überfall geschildert.

Beim ersten Angriff lag sie bereits im Bett, als sie hörte, dass der 60-Jährige ins Zimmer kam. Als sie die Augen öffnete, blickte sie auf ein Messer. Das Küchenmesser sei auf ihren Hals gerichtet gewesen, berichtete die Zeugin. Ihr Mann habe geschrien: „Das willst Du!“

Sie hatte ihren Mann, der ebenso wie sie aus der früheren Sowjetunion stammt, 2004 in Göttingen kennengelernt. 2011 heirateten sie, sie haben zwei gemeinsame Kinder. „Zehn Jahre war ich glücklich“, sagte die 52-Jährige vor Gericht. Dann gab es die erste Krise: Sie kam dahinter, dass ihr Mann eine Affäre mit einer anderen Frau hatte. Später kehrte er zu ihr zurück. Sie verzieh ihm, auch um die Familie zusammenhalten. Eine Konsequenz zog sie indes: Bis dahin hatte sie als Putzfrau gearbeitet, weil ihre Abschlüsse in Deutschland nicht anerkannt wurden, machte sie nun eine Umschulung zur Steuerfachangestellten. Inzwischen ist sie als Geschäftsführerin tätig.

Ihr Mann habe in einem Northeimer Unternehmen als Lagerarbeiter und Schichtleiter gearbeitet, bis er vor etwa zwei Jahren an Kehlkopfkrebs erkrankte, berichtete sie. Ihm musste der Kehlkopf komplett entfernt werden. Der Angeklagte kann sich nur noch mithilfe einer elektronischen Sprechhilfe verständigen. Danach sei ihr Mann sehr verändert gewesen, berichtete die 52-Jährige. Er habe ständig schlechte Laune gehabt und sich über Kleinigkeiten aufgeregt.

Am Tatabend habe ihr alkoholisierter Mann erklärt, dass er zum Rechtsanwalt gehen wolle, um die Scheidung einzureichen. Sie habe dies jedoch nicht ernst genommen.

Kurz nachdem sie sich ins Bett gelegt habe, sei ihr Mann ins Schlafzimmer gekommen. Er habe sich über sie gebeugt und ihr ein Messer an den Hals gehalten. Sie habe versucht, ihn mit den Händen abzuwehren, und laut um Hilfe gerufen.

Wenig später kamen die Kinder ins Schlafzimmer. Während der Junge völlig geschockt dastand, habe die Tochter versucht, den Vater von ihr wegzuziehen, berichtete die 52-Jährige. Die Kinder seien dann rausgegangen und hätten die Großeltern angerufen. Währenddessen habe ihr Mann ihr erneut das Messer an den Hals gehalten. Nachdem es ihr gelungen war, ihm das Messer aus der Hand zu schlagen, habe er sie mit beiden Händen gewürgt, bis ihre Tochter zurückkam und ihm direkt ins Ohr schrie. „Ich habe noch nie so einen Schrei gehört“ sagte die Zeugin.

Sie hätten den Angeklagten gemeinsam in den Flur geschoben. Daraufhin habe er sie dort an die Wand gedrückt. Als sie sagte, dass er ins Gefängnis kommen könnte, habe er erklärt: „Wenn ich zurückkomme, töte ich dich und dann mich.“ Kurz seien die Großeltern erschienen.

Auch der zweite Angriff kam völlig überraschend

Rund zwei Wochen später folgte das nächste Horrorerlebnis: Als sie abends nach Hause kam und das Auto abgestellt hatte, sah sie ihren Ehemann „wie einen schwarzen Vogel“ aus dem Dunkel auftauchen. Er habe ohne ein Wort zu sagen, auf sie eingeschlagen und sie mit beiden Händen gewürgt. „Ich dachte, es ist die letzte Minute meines Lebens“, beschreibt die Ehefrau ihre Todesangst.

Für die 52-Jährige kam auch der zweite Angriff völlig überraschend. Der 60-Jährige hatte nach der ersten Gewalttat die Weisung erhalten, dass er sich die nächsten zwei Wochen dem Haus nicht mehr nähern durfte. Zwölf Tage nach der Tat erwirkte seine Ehefrau beim Amtsgericht Northeim eine Verfügung, dass er auch die nächsten sechs Monate sein Haus nicht aufsuchen dürfe.

An dem Tag, als er die gerichtliche Verfügung erhalten hatte, entdeckten Polizistinnen am späten Nachmittag bei Gieboldehausen einen Pkw, der unbeleuchtet auf dem rechten Fahrstreifen der B 27 stand. Auf dem Fahrersitz saß der Angeklagte. Eine Blutprobe ergab, dass er 2,34 Promille intus hatte. Der 60-Jährige kam ins Herzberger Krankenhaus. Zwei Tage später verließ er die Klinik auf eigenen Wunsch und fuhr mit einem Taxi nach Northeim.

Seine Ehefrau wähnte ihn in der Klinik. Umso überraschter war sie, als er vor ihr stand und auf sie einschlug. Er habe sie dann gegen den Drahtzaun des Nachbargrundstücks gedrückt und sich auf sie geworfen, sodass sie rücklings zu Boden ging, berichtete sie. Er habe sie gepackt und gewürgt, dass sie weder sich bewegen noch schreien konnte. Plötzlich sei er aufgesprungen, wohl weil er aufgrund seiner Einschränkungen nach einer Kehlkopfkrebs-Operation selber keine Luft mehr bekam. Sie habe wegzulaufen versucht. Ihr Mann sei aber mit einem massiven Holzstock zurückgekommen und habe auf sie eingeschlagen, bis eine Nachbarin ihr zu Hilfe kam.

Im Krankenhaus, wo sie zwei Tage auf der Intensivstation lag, stellten die Ärzte bei der 52-Jährigen unter anderem ein Schädelhirntrauma, eine Kopfplatzwunde und eine tiefe Schnittverletzung an der linken Körperseite und Würgemale am Hals fest.

Der 60-Jährige war nach der Attacke mit dem Firmenfahrzeug seiner Frau in Richtung Frankfurt/Oder davongefahren. Als die Polizei ihn auf der Autobahn 10 kontrollieren wollte, versuchte er zu flüchten und verunglückte. Anschließend kam er in Untersuchungshaft.  (Heidi Niemann)

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