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Post-Covid-Syndrom: Mann leidet seit einem Jahr an Folgen einer Corona-Infektion

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Von: Kathrin Plikat

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Seine Lungenfunktion muss der Bodenfelder regelmäßig untersuchen lassen.
Seine Lungenfunktion muss der Bodenfelder regelmäßig untersuchen lassen. © Tobias Kulp-Maaß/Privat

Der 47-jährige Tobias Kulp-Maaß aus Bodenfelde ist vor gut einem Jahr an Corona erkrankt. Noch heute leidet er an den Spätfolgen, ist immer noch arbeitsunfähig.

Bodenfelde – Als Tobias Kulp-Maaß aus Bodenfelde Ende Januar vorigen Jahres einen Corona-Schnelltest macht, ahnt er nicht, dass das sein bisheriges Leben völlig auf den Kopf stellen wird. Denn: Der früher sehr sportliche Bodenfelder leidet noch immer, mehr als ein Jahr nach einer Corona-Infektion, an zum Teil schweren Symptomen. Uns hat er seine Geschichte erzählt.

Der damalige Schnelltest ist positiv, ein erster PCR-Test zwar negativ, der PCR-Test zwei Tage später allerdings auch positiv. „Okay, da wusste ich, ich habe Corona“, sagt der 47-Jährige. Wo er sich damals infiziert hat, weiß er nicht.

Corona-Infektion mit Spätfolgen: Mann geht nach 14-tägiger Quarantäne wieder arbeiten

Kulp-Maaß ist im Januar 2021 noch nicht gegen das Coronavirus geimpft. Nach dem positiven Testergebnis begibt er sich für 14 Tage in Quarantäne, seine Ehefrau als erste Kontaktperson ebenfalls. Freunde versorgen das Ehepaar mit Lebensmitteln.

Der 47-Jährige spricht heute von einem „relativ milden Verlauf“ seiner Corona-Infektion. Er ist damals schlapp, schläft viel und verliert irgendwann den Geruchssinn. „Alles Symptome, auf die uns das Gesundheitsamt Northeim in diversen Telefonaten hingewiesen hat.“ Kulp-Maaß und seine Frau befolgen die Anweisungen, isolieren sich, messen täglich Fieber, führen ein „Corona-Tagebuch“.

Als die 14 Tage Quarantäne rum sind und Kulp-Maaß einen negativen PCR-Test vorlegt, geht er wieder arbeiten. Der 47-Jährige ist im Außendienst tätig, betreut Baumärkte in ganz Deutschland im Bereich Bauelemente. „Da muss ich viel Autofahren, oft lange Strecken. Alles gar kein Problem. Das dachte ich zumindest“, erzählt der Bodenfelder.

Nach Corona-Infektion zurück im Beruf: Mann fühlt sich total schlapp

Doch schon in den ersten Tagen, nachdem er wieder zurück im Beruf ist, merkt er, dass irgendetwas nicht stimmt. „Ich hatte das Gefühl, ich schaffe den Tag einfach nicht“, erinnert er sich. Immer wieder muss er Pausen machen, fühlt sich total schlapp.

Wieder wird er für 14 Tage krank geschrieben, seine Hausärztin vermutet, dass sein Körper nach der Infektion einfach noch Ruhe braucht. „Doch statt besser, wurde es immer schlimmer. Kurze Spaziergänge fielen mir schwer, ich bekam Atemnot, Wortfindungsstörungen, Gedächtnisverlust, Gelenkschmerzen und Kribbeln und Schmerzen in den Beinen. Das machte mir echt Angst.“ Wieder konsultiert er seine Hausärztin, wird erneut krank geschrieben. Die Arbeitsunfähigkeit dauert übrigens bis heute an.

Für Kulp-Maaß beginnt damals ein Ärzte-Marathon: Termin beim Lungenfacharzt, dann beim Kardiologen, alles ohne Befund. Als er vom Kribbeln in den Beinen berichtet, wird er zum Neurolgen überwiesen. In der Klinik Lippoldsberg wird er im Mai für ein paar Tage stationär aufgenommen und „auf den Kopf gestellt“. Neben den Untersuchungen absolviert er ein leichtes Sportprogramm, bekommt Physio- und Ergotherapie. „Doch je mehr ich mich anstrengte, desto schlechter ging es mir“, sagt der 47-Jährige. „Und irgendwann ging gar nichts mehr.“

Post-Covid-Syndrom: „Irgendwann ging gar nichts mehr“

Bei einer speziellen Untersuchung stellen die Ärzte plötzlich fest, dass die Leitgeschwindigkeit seiner Nerven nicht in Ordnung ist. Es folgen weitere Tests. Entlassen wird er schließlich mit der Diagnose „Post-Covid-Syndrom mit Konzentrationsstörungen, Fatiquesyndrom, Belastungsdyspnoe und sensomotorischer Polyneuropathie“. Heißt: anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung sowie Antriebslosigkeit, Luftnot bei Belastung und dauerhaft geschädigte Nerven.

Zwar weiß Kulp-Maaß jetzt, was ihn jeden Tag fix und fertig macht, doch besser fühlt er sich natürlich trotzdem nicht. „Ich habe mir Gedanken gemacht, wie es weitergehen soll. Ich wollte meine Gesundheit zurück, einfach wieder fit sein, Laufen und Walken gehen, Fahrradfahren. Wie vorher eben.“

Doch das, was er will, scheint seinen Körper nicht sonderlich zu interessieren. Schlappheit und Müdigkeit bestimmen weiter den Tagesablauf. Im Juli bekommt Kulp-Maaß seine erste Corona-Impfung, im August beginnt er in einer Klinik im Schwarzwald eine vierwöchige Reha-Maßnahme. „Leider ohne nennenswerte Erfolge“, erzählt der 47-Jährige.

Nach überstandener Corona-Infektion: Schlappheit und Müdigkeit bestimmen weiter den Tagesablauf

Schon die Fahrt in den Schwarzwald wird damals für ihn zu einer Tortur: „Ich dachte natürlich, ich schaffe die lange Autofahrt problemlos, als Außendienstler bin ich das ja gewohnt“. Doch falsch gedacht, nach fast 200 Kilometern steuert er einen Parkplatz an, bittet seine Frau, die ihn begleitet, weiterzufahren. „Es ging einfach nichts mehr.“

In der Klinik angekommen, ist der Bodenfelder noch positiv gestimmt, zumal ihm die Ärzte versprechen: „Wir bekommen Sie wieder hin!“ Als der 47-Jährige nach ein paar Tagen mit zig Anwendungen fragt, wie es denn mit einer neurologischen Therapie aussieht, winkt man im Schwarzwald aber ab. Auf diese Therapieform sei man dort nicht eingestellt.

„Als ich nach vier Wochen die Klinik verlassen habe, sagte man mir, dass es doch wohl ein toller Erfolg sei, dass ich zwei Kilometer am Stück spaziergengehen oder eine Treppe steigen kann. Meine Beschwerden waren aber immer noch da.“

Mann leidet an Folgen einer Corona-Infektion: Bilder sogenannter Corona-Leugner machen ihn wütend

Zuhause im Solling versucht er schließlich, durch regelmäßige Bewegung, leichtes Training im Fitnessstudio und kurze Touren mit dem E-Bike, wieder fitter zu werden. „Aber ich bin heute gerade mal bei 25 Prozent meiner früheren Leistungsfähigkeit“, sagt Kulp-Maaß.

Erneut hat er eine Reha-Maßnahme beantragt, diesmal speziell für die neurologischen Beschwerden. Weil noch diverse Untersuchungen anstehen, befindet sich der Antrag noch in Bearbeitung. Also ist weiter Geduld angesagt. „Aber darin bin ich inzwischen geübt“, sagt Kulp-Maaß mit einem ironischen Unterton. Aber fürs Verzweifeln sei er nicht der Typ.

Hand aufs Herz: Was geht dem 47-Jährigen durch den Kopf, wenn er die Bilder oder Kommentare der sogenannten Corona-Leugner, Impfgegner oder Verschwörungstheroretiker sieht? Er muss kurz überlegen, will nichts „Falsches“ sagen. „Ich verstehe das nicht.“ Ihn mache es wütend, wenn er liest, dass Corona „wie eine Grippe“ sei. „Ist es eben nicht. Eine Grippe hätte ich nach zwei Wochen überstanden.“

Trotz Langzeitfolgen nach Corona-Infektion: Mann vertraut Medizin und Wissenschaft

Was ihn genauso aufregt, das sind Bilder von sogenannten „Spaziergängern“, die mit Fackeln durch die Straßen ziehen und vor den Häusern von Medizinern oder Politikern stehen. Oder sie sogar bedrohen. „Das hat mit Meinungsäußerung und Demonstrieren nichts mehr zu tun. Jeder soll auf die Straße gehen und protestieren, das ist unser gutes Recht in einer Demokratie. Aber dann muss man sich auch an die Regeln halten, die nun mal aktuell gelten. Maske tragen und Abstand halten kann doch nicht so schwer sein.“

Über Äußerungen, man lebe aufgrund der Corona-Vorschriften in Deutschland in einer Diktatur, kann der 47-Jährige inzwischen auch nur noch müde lächeln. „In der Öffentlichkeit zu protestieren, weil man angeblich in einer Diktatur lebt, ist ja wohl ein Widerspruch in sich“. Natürlich ärgere er sich auch ab und zu über die täglichen Nachrichten, und natürlich habe die Politik auch Fehler gemacht. „Aber so eine Pandemie hatten wir eben auch noch nie.“ Trotzdem vertraue er der Medizin und der Wissenschaft.

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„Es ist nun mal so, wie es ist. Wir müssen einfach aufeinander aufpassen und vorsichtig sein bei Kontakten. Dann bekommen wir die Krise mit Sicherheit irgendwann in den Griff und unser Leben wird wieder normal“, sagt der 47-Jährige. Das „normale Leben“ wie vor Corona wünscht sich Kulp-Maaß natürlich am dringendsten zurück. Nicht nur wegen seiner Gesundheit. „Ich will endlich mal wieder richtig feiern, mit Freunden und Familie“.

Normalerweise wäre es im April soweit gewesen: Das Ehepaar wollte seine Silberhochzeit feiern. Doch nach langem Überlegen haben die beiden die Feier abgesagt. „Dann feiern wir eben nächstes Jahr 25+1. Das ist doch nicht schlimm. Viel wichtiger ist, dass ich bis dahin wieder fit bin“. (kat)

Eine Medizinerin ist in Sorge wegen Omikron und befürchtet eine Long-Covid-Flut an Patienten.

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