Vorschlag der Gesundheitsminsister

Corona-Schutzimpfung in Apotheken stößt im Kreis Northeim auf Skepsis

Hand mit Spritz und nackter Oberarm vor einem Apothekenlogo
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Corona-Schutzimpfungen sollen demnächst auch in Apotheken möglich sein.

Covid-Schutzimpfungen sollen bald auch in Apotheken möglich sein.

Northeim – Der Vorschlag der Gesundheitsminister, dass künftig Covid-19-Schutzimpfungen auch in Apotheken möglich sein sollen, wird von Fachleuten im Landkreis Northeim kritisch gesehen.

Aus Sicht von Apothekerin Birgit Freudenstein-Körner, die die Northeimer St.-Spiritus-Apotheke betreibt, ist der Vorschlag nur schwer umsetzbar. „Wir haben bereits für das Testen einen Extraraum in der Apotheke eingerichtet und müssten für das Impfen noch einen weiteren Raum haben“, sagt sie. Außerdem hätte sie angesichts des aktuellen Betriebes, bei dem von morgens bis abends das Telefon klingele, gar keine Zeit für eine entsprechende Schulung.

Wolfram Schmidt, Apotheker und Inhaber der Aponom-Gruppe in Northeim, hält nichts davon, dass Apotheker demnächst gegen Corona impfen, und spricht sich damit bewusst gegen die Haltung der Apothekerkammer Niedersachsen aus.

Die bewertet den Beschluss der Gesundheitsminister, den Gesetzgeber aufzufordern, die entsprechenden rechtlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen als einen weitereren und wichtigen Schritt, um die Pandemie zu bewältigen. Gerade in einem Flächenland wie Niedersachsen sei dies eine Möglichkeit, die Impfquote zu erhöhen.

„Zwischen Ärzten und Apothekern gibt es seit 1231 eine Arbeitsteilung, die sich bewährt hat und die man beibehalten sollte“, sagt Schmidt und begründet seine ablehnende Haltung damit, dass es bei einer Impfung, wenn auch nur in ganz seltenen Fällen, zu einem allergischen Schock kommen könne. „Ein Arzt hat dann seinen Notfallkoffer, ich müsste dann aber erst einen Notarzt rufen.“ Darüber hinaus sieht Schmidt den zeitlichen Aufwand und den Platzbedarf als Problem für die Apotheken.

Auch Apotheker Ulrich Heck aus Hardegsen hält den Vorschlag der Gesundheitsminister für problematisch – nicht nur aus logistischen Gründen, auch, weil bei Impfungen Zwischenfälle vorkommen könnten, die einen Arzt erfordern. Er befürchtet, dass es zu Konflikten zwischen Ärzten und Apothekern kommen könnte.

Auf der anderen Seite sieht Heck aber auch eine gesellschaftliche Verantwortung bei den Apothekern, der sie sich in einer absoluten Notlage nicht entziehen könnten, wenn es denn gar nicht anders gehe.

Auch Ärzte aus dem Landkreis Northeim sehen den Vorschlag der Gesundheitsminister kritisch.

„Mir persönlich ist es egal, was oder wer die Impfkampagne voranbringt, aber ich glaube nicht, dass Impfungen in den Apotheken die Impfquote jetzt nennenswert steigern könnten“, sagt Wolfgang Boldt, Vorsitzender des Ärztevereins Northeim.

Seines Erachtens fehle es an Impfstoff und verlässlichen Lieferungen für eine Terminplanung in den impfenden Praxen und bei den existierenden mobilen Impfteams.

„Insbesondere ältere Personen können sich nicht gegebenenfalls stundenlang in eine Warteschlange vor einem niedrigschwelligen Impfangebot ohne Terminvergabe stellen, sondern benötigen Sicherheit und Termine in der vertrauten Praxisumgebung“, meint Boldt, betont aber, dass es für ihn kein Tabubruch wäre, wenn in einer Pandemie nicht nur Ärzte, sondern auch qualifiziertes medizinisches Fachpersonal impft. „Grundsätzlich gilt aber: Schuster bleib bei deinen Leisten.“

Boldt räumt ein, dass die Aufklärung bei Booster-Impfungen von bereits zweimal Geimpften „keine Raketentechnik“ sei. „Eine differenzierte Beratung von bisher nicht geimpften und gegebenenfalls ängstlichen Menschen, ist da aber schon etwas anderes.“

Auch für Dr. Peter Ruhnau, der in Kreiensen eine Praxis für Allgemein- und Arbeitsmedizin betreibt, ist derzeit der Mangel an Impfstoff die größte Sorge und nicht der Mangel an Personen, die impfen können. Grundsätzlich spreche nichts dagegen, dass nicht nur Ärzte, sondern alle dafür ausgebildeten Personen Impfungen verabreichen dürfen, so Ruhnau. Zum jetzigen Zeitpunkt sei die angedachte Ausweitung auf Apotheken allerdings eher als nicht hilfreicher Aktionismus zu bewerten – zumal die Apotheker, mit denen er gesprochen habe, das auch nicht wollten.

„Wir schaffen in der Praxis derzeit zwischen 200 bis 300 Impfungen in der Woche, sagt Ruhnau. „Und die Termine dafür müssen zeitaufwendig koordiniert werden. Wenn jetzt kurzfristig jemand nicht kommt, weil er in einer Apotheke vielleicht früher einen Termin bekommt, reißt das Lücken und wirft den ganzen Plan über den Haufen.“ Derzeit sei seine Praxis dabei Impfaktionen zwischen Weihnachten und Neujahr zu planen.

„Der Gedanke hat was, denn jede Hilfe wird im Moment gebraucht“, kommentiert Dr. Marcus Kuklau, hausärztlich tätiger Internist aus Northeim, den Vorschlag der Gesundheitsminister. Selbstverständlich müsse nicht jede Spritze von einem Arzt verabreicht werden. Das könne jeder der eine medizinische Grundausbildung habe. „Wichtig ist aber die Logistik vor und vor allem nach einer Impfung“, sagt Kuklau und gibt zu bedenken, dass bei Impfungen durchaus allergischen Reaktionen oder eine Entzündung des Muskels, in den die Spritze gesetzt wurde, vorkommen könnten. Aus seiner Sicht ist die haftungsrechtliche Situation in solchen Fällen unklar, wenn kein Arzt eingebunden wäre. (Niko Mönkemeyer)

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