"Dankbar für Ruhe und Frieden"

Buch geschrieben: Northeimer Flüchtlinge sprechen über Traumata

Northeim. Zum ersten Mal haben Flüchtlinge, die in Northeim leben, ihre überwiegend traumatischen Erlebnisse aufgeschrieben und öffentlich vorgelesen.

Traumatische Erlebnisse auf der Flucht, das Ankommen in einer für sie neuen und fremden Welt, ihre Hoffnungen und Erwartungen, aber auch Enttäuschungen schilderten Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt bei der Lesung „Zeitzeugen Flucht“ im vollbesetzten Northeimer Bürgersaal.

Eingeladen hatten das Café Dialog der Northeimer Werk-statt-Schule, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Northeim und das Frauencafé. Zwischen den Frauen und Männern unter anderem aus Syrien, Libanon, Kolumbien, Afghanistan und Somalia saß mit Traudel Döhlinger auch eine Northeimerin. Sie schilderte, was sie auf ihrer Flucht am Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem Osten erlebt hatte und wie sie die Erlebnisse auch 70 Jahre später noch beschäftigen.

Aufgeschrieben hatten sie ihre Geschichten in Zusammenarbeit mit Aza Thelandersson-Re und Yvonne Mascioni vom Café Dialog. Gelesen wurden Passagen, die nicht vom Vorlesenden stammen mussten.

Schwere Misshandlungen 

Ein Flüchtling aus Syrien schrieb über seine Beweggründe zur Flucht auf, dass er den Militärdienst verweigerte: „Ich wollte nicht auf mein eigens Volk schießen.“ Ein Mann aus dem Iran berichtet von seinem einjährigen Gefängnisaufenthalt mit schweren Misshandlungen. „Ich habe Glück, dass ich noch lebe. Manchmal kann ich vor Angst nicht schlafen.“

Traudel Döhlinger: „Ich träume noch heute von den Schrecken der Flucht.“ Ein Flüchtling: „Auf dem Meer fiel eine Frau ins Wasser. Sie ging einfach unter. Ihr Baby haben wir noch aus dem Wasser geholt. Es ist in Italien geblieben. Ich träume jede Nacht von diesem Kind.“

Jetzt sind die Flüchtlinge in Northeim: Unzureichende Sprachkenntnisse und dann das Problem mit dem Status: „Meine Duldung wird bislang alle zwei Monate erneuert. Ich möchte arbeiten, aber ich darf nicht….“ Die Stimme versagt.

Ein anderer: „Ich bin dankbar für den Frieden und die Ruhe. Mein Sohn und ich leben. Aber ich lebe hier ohne zu leben, weil ich ohne Arbeit bin und allem, was mich ausgemacht hat.“

Das Warten zermürbt 

Das Warten, auf das was wird, zermürbt: „Ich habe mich auf Deutschland gefreut und gedacht, ich könnte jetzt mit meiner Ausbildung weitermachen. Jetzt habe ich schon zwei Jahre meines Lebens vergeudet.“

Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung ist groß. So berichtete eine Höckelheimerin, dass für zugewiesene Flüchtlinge gesammelt wurde. Sie wünscht sich aber auch, dass die zuständigen Behörden die Nachbarn informieren, wenn jemand neu kommt. (zhp)

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