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Hohnstedt: Die Tragödie der Osternacht

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Von: Heidi Niemann

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Auf dem früheren Osterfeuerplatz bei Hohnstedt erinnert heute ein Gedenkstein an die Tragödie, die sich vor 40 Jahren dort abgespielt hat.
Auf dem früheren Osterfeuerplatz bei Hohnstedt erinnert heute ein Gedenkstein an die Tragödie, die sich vor 40 Jahren dort abgespielt hat. © Heidi Niemann/pid

Nach zweijähriger „Corona-Pause“ werden in diesem Jahr in vielen Ortschaften wieder Osterfeuer stattfinden. Auch in Hohnstedt wurde diese Tradition jahrzehntelang gepflegt – bis sich vor 40 Jahren eine Tragödie ereignete: Am 11. April 1982 kamen in der Nacht zum Ostersonntag fünf Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren ums Leben.

Hohnstedt - Sie wurden Opfer einer anderen Tradition, die damals in der Region ebenfalls weitverbreitet war: Die Einwohner des Nachbardorfes ärgern, indem man deren fertig aufgestapeltes Osterfeuer vorzeitig abfackelt. Um dies zu verhindern, hielten acht Hohnstedter Jugendliche Nachtwache an ihrem Osterfeuerplatz.

Zum Schutz vor dem eisigen Wind hatten sie in dem Stapel einen mit Stroh ausgepolsterten Unterstand gebaut. Sieben von ihnen legten sich darin schlafen, einer übernachtete draußen. Keiner von ihnen bemerkte, dass sich frühmorgens mehrere junge Männer aus einem Nachbarort heranschlichen. Um vier Uhr brannte das Osterfeuer plötzlich lichterloh.

Mitten in der Nacht brannte das Osterfeuer

Zwei Jugendliche wurden rechtzeitig wach und konnten sich ins Freie retten. Es gelang ihnen auch noch, einen 14-jährigen Schüler aus dem brennenden Holzstapel herauszuziehen. Dieser erlag jedoch in der folgenden Nacht in der Göttinger Uni-Klinik seinen schweren Brandverletzungen.

Zwei Jugendliche konnten sich retten

Für vier weitere Jugendliche im Alter von 16, 17 und 18 Jahren gab es ebenfalls keine Rettung, sie verbrannten bis zur Unkenntlichkeit. Durch den Wind hatten sich die Flammen so rasant ausgebreitet, dass beim Eintreffen der Feuerwehren der meterhohe Holzstapel bereits heruntergebrannt war.

Fünf junge Männer wurden festgenommen

Bereits am Ostersonntag nahm die Polizei fünf junge Männer aus dem Nachbardorf Edesheim vorläufig fest. Einer der überlebenden Jugendlichen hatte den Beamten einen entscheidenden Hinweis gegeben. Bereits einige Stunden vor der Brandkatastrophe waren einige Edesheimer in Hohnstedt aufgetaucht, nach einer kurzen Rangelei dann aber zunächst wieder abgezogen. Inden frühen Morgenstunden machten sich fünf von ihnen erneut auf den Weg, um den am Waldrand aufgeschichteten Holzstapel anzuzünden und so den Hohnstedtern ihr Osterfeuer zu vermasseln.

Anklage: Fahrlässige Tötung

Vier Monate nach der Tragödie klagte die Staatsanwaltschaft Göttingen einen Jugendlichen und zwei Heranwachsende aus Edesheim wegen fahrlässiger Tötung an. Sie warf den 17, 18 und 19 Jahre alten Angeschuldigten vor, den Osterfeuerhaufen im Nachbardorf angezündet zu haben, obwohl sich mehrere Wache haltende Jugendliche aus Hohnstedt darin aufhielten.

Das Verfahren gegen zwei weitere Beschuldigte wurde eingestellt, weil ihnen eine unmittelbare Tatbeteiligung nicht nachzuweisen sei. Hauptbeschuldigter war ein 19-jähriger Bundesgrenzschutzbeamter. Drei Tage, nachdem er die Anklageschrift erhalten hatte, wurde er tot aus dem Northeimer Kiessee geborgen – der 19-Jährige hatte sich aus Verzweiflung das Leben genommen.

Richter: Hätten voraussehen müssen, dass das Feuer zu einem Unglück führen könnte

Die beiden anderen jungen Angeklagten wurden am Ende des Prozesses vor der Jugendkammer des Landgerichts Göttingen wegen fahrlässiger Tötung zu vier Wochen Jugendarrest verurteilt. Nach Ansicht der Richter hätten sie damit rechnen müssen, dass sich Hohnstedter Jugendliche in dem Osterfeuerstapel einen Unterstand errichtet und schlafengelegt hatten. Sie hätten voraussehen müssen, dass das heimliche Anzünden des Osterfeuers zu einem Unglück führen könnte.

Die Richter hielten den Jugendlichen zugute, dass sie niemanden verletzen wollten, sondern lediglich einem alten Brauch nach gekommen seien. Bei der Strafzumessung sei zu berücksichtigen gewesen, dass sie vor der Tat erhebliche Mengen Alkohol konsumiert hatten. Die eigentliche Problematik des Urteils liege darin, dass die Justiz keine Möglichkeit habe, das furchtbare Unglück wieder aus der Welt zu schaffen, sagte der Richter damals.

Gedenkstein erinnert an die Jugendlichen

Dort, wo vor 40 Jahren das Osterfeuer aufgestapelt gewesen war, steht heute ein Gedenkstein mit den Namen der fünf Jugendlichen, die „durch ein grausiges Geschehen im Osterfeuer 1982 unschuldig ihr Leben lassen mussten“. In Hohnstedt brennt seitdem kein Osterfeuer mehr. (Heidi Niemann)

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