Probleme der Ermittler mit dem Datenschutz gut dargestellt

Polizei Northeim zum TV-Krimi: „Ermittler fahren kein Motorrad“

OliverTschirner

Northeim. Sonntags sitzt die Nation vor dem Fernseher, um Tatort oder Polizeiruf 110 zu schauen. Wir wollten wissen, wie ein echter Kriminalist einen Fernsehkrimi erlebt und haben uns mit Kriminaloberrat Oliver Tschirner, Leiter des Zentralen Kriminal- und Ermittlungsdienst der Polizei-Inspektion Northeim-Osterode, unterhalten.

HNA: Herr Tschirner, kann man einen Fernsehkrimi überhaupt genießen, wenn man ihn so wie Sie durch die Brille eines echten Kriminalisten sieht? 

Oliver Tschirner: Inzwischen ja. Früher habe ich keine Krimis geschaut, aber seit etwa fünf Jahren bin ich ein echter Tatort-Fan. Allerdings finde ich die zwischenmenschlichen Beziehungen unter den Akteuren meist viel spannender und interessanter als ihre Ermittlungsarbeit. Denn die hat meistens tatsächlich nicht viel mit der Realität zu tun.

Können Sie dafür ein paar Beispiele nennen aus der Polizeiruf-Folge vom Sonntag?

Tschirner: Ja, da gibt es einige. Zum Beispiel, dass die beiden Hauptfiguren in dieser Folge eher gegeneinander als miteinander gearbeitet haben. Beide waren bei ihren Ermittlungen allein unterwegs. Das ist völlig unrealistisch. In der Realität ist die Ermittlung immer Teamarbeit, und dass eine Hauptkommissarin mit ihrem Privat-Motorrad zum Tatort fährt, um selbst Spuren zu sichern, ist absolut verboten.

In Fernsehkrimis gibt es immer wieder Vorgesetzte oder Staatsanwälte, die den Beamten die Arbeit eigentlich erschweren. Wie sieht die Zusammenarbeit tatsächlich aus?

Tschirner: Anders, als sie meistens dargestellt wird. In der aktuellen Folge hat sich einer der Ermittler darüber aufgeregt, dass sein Chef einen Beschluss bei der Staatsanwaltschaft nicht beantragt hat. So etwas machen Sachbearbeiter selbst. In vielen Krimis sind die Staatsanwälte in die Ermittlungsarbeit direkt eingebunden. Auch das entspricht nicht ganz der Realität. Das ist eher die Ausnahme Aber auch beim Umgang mit Verdächtigen gibt es so manche Fehler. Zum Beispiel kommt es in Krimis so gut wie nie vor, dass sich die Beamten die Zeit nehmen, Verdächtige vor einer Vernehmung über ihre Rechte zu belehren. Das passiert in Wirklichkeit nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich.

Gab es in der Polizeiruf-Folge auch Dinge, die realistisch dargestellt waren?

Tschirner: Ja, zum Beispiel die Probleme für die Kriminalbeamten, die sich bei ihren Ermittlungen mit dem Datenschutz ergeben. Da weiß Facebook manchmal mehr als wir wissen dürfen. Und das erschwert manchmal wirklich unsere Arbeit.

Welchen Tatort sehen Sie am liebsten?

Tschirner: Ich habe zwei Favoriten. Den aus Köln und den aus Münster – auch wenn bei dem so gut wie nichts stimmt. Dass ein Pathologe regelmäßig in die Ermittlungsarbeiten eingebunden ist, ist natürlich Quatsch, aber man muss den Münster-Krimi einfach als Komödie betrachten.

Von Niko Mönkemeyer

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