Amtsgerichts-Chefin Ingrid Sell geht in den Ruhestand

Familienrechtlerin versteht sich als Helferin bei der Lebensgestaltung

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Abschied vom Richtertisch: Die Robe, die Ingrid Sell über den Arm gelegt hat, hat ausgedient. Wer ihr auf den Posten des Amtsgerichtsleiters folgt ist noch offen. Sie hofft, dass die Stelle zum 1. August wieder besetzt wird. 

Northeim. Im Northeimer Amtsgericht endet eine Ära. Amtsgerichtsdirektorin Ingrid Sell geht Ende des Monats in den Ruhestand. 37 Jahre hat sie in Northeim Recht gesprochen. In den vergangenen sieben Jahren war sie außerdem Leiterin des Amtsgerichts.

Die meisten Northeimer kennen die Juristin entweder als Familienrichterin, die Ehen geschieden, über Sorgerechtsfälle und Unterhaltstreitigkeiten entschieden hat, oder als Ehefrau des vor zwei Jahren in den Ruhestand gegangenen Pastors der Evangelisch-reformierten Gemeinde, Reinhard Sell.

Erst eine halbe Stelle

„Das war ein Glücksfall“, sagt sie in der Rückschau, dass sie im Sommer 1980 in Northeim, dort wo ihr Mann damals bereits seit drei Jahren eine Pfarrstelle hatte, zunächst eine halbe Richterstelle bekam. Eine weitere halbe Stelle übte sie zunächst noch in Einbeck aus, ehe sie im Herbst 1981 eine volle Planstelle in der Kreisstadt erhielt.

Zunächst war sie für Zivilsachen zuständig. Ihr Wechsel in das Familienrecht geschah nicht ganz freiwillig. „Ich wollte das zunächst nicht“, erzählt sie.

Der damals dafür zuständige Kollege brauchte aber Unterstützung, sodass sie ab Anfang 1984 auch für Familiensachen zuständig wurde. Gut ein Jahr später machte sie dann ausschließlich Familienrecht. In der Rückschau sagt sie: „Ich habe es dann sehr gern gemacht.“

Dass dieses Rechtsgebiet unter Juristen häufig als nicht besonders anspruchsvoll angesehen wird, lässt die künftige Richterin im Ruhestand nicht gelten. „Das ist schon eine interessante Sache“, betont sie. Familienrecht sei komplex, weil es viele Rechtsgebiete berühre. Außerdem habe es „eine kaum überschaubare Zahl“ an Reformen gegeben. Dazu komme die umfangreiche Rechtsprechung der Obergerichte, die es zu beachten gelte.

Neben juristischer Erfahrung sei Interesse an Menschen und Beziehungen nach Sells Worten wichtig für die Aufgabe als Familienrichterin, schließlich sei ein Urteil oder ein vor Gericht geschlossener Vergleich eine Hilfe zur Lebensgestaltung des ehemaligen, sich nun streitenden Paares.

Kinder als Faustpfand

„Ich habe Situationen erlebt, wo es starke Spannungen im Gerichtssaal gab“, sagt die auch zur Mediatorin ausgebildete Juristin, die im Studium nebenbei Psychologie belegt hatte.

Auch wenn der Streit vordergründig über andere Dinge geführt werde, sei die emotionale Komponente bei Familiensachen auf Seiten der Parteien immer dabei: „Je größer die Enttäuschung, je stärker die Reaktion.“ Dazu gehöre leider auch, dass Kinder von einem Elternteil instrumentalisiert und als Faustpfand eingesetzt werden.

„Alles hat seine Zeit“, freut sie sich jetzt auf neue Freiräume. Reisen mit ihrem Mann, aber auch mehr Zeit zum Lesen und für Konzertbesuche hat sie sich vorgenommen. Außerdem will das Ehepaar Sell weiter etwas für seine Bildung tun. Es zieht die Beiden an die Universität. Seminare der Göttinger Universität des Dritten Lebensalters (UdL) wollen sie belegen - beispielsweise in Literaturwissenschaft.

Zur Person

Ingrid Sell stammt aus Hann. Münden und hat in Göttingen von 1970 bis 1975 Jura und nach eigenen Worten „einige Semester Psychologie“ studiert. Nach ihrem Referendariat und dem Zweiten Staatsexamen 1978 war die 65-Jährige zunächst beim Landgericht und dem Amtsgericht Hannover tätig. Es folgte ein Dreivierteljahr bei der Staatsanwaltschaft Göttingen, ehe sie im Juni 1980 als Richterin mit je einer halben Stelle an die Amtsgerichte Einbeck und Northeim wechselte. Seit September 1980 hat sie eine volle Planstelle in Northeim innegehabt. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. (ows)

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