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Cold Case bei der Polizei Göttingen: Fleißarbeit, um Morde aufzuklären

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Von: Kathrin Plikat

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Kriminalhauptkommissar Heiko Meusel nimmt mit seinem Team der Soko Cold Case ungeklärte Tötungsdelikte und Vermisstenfälle unter die Lupe. 2
Kriminalhauptkommissar Heiko Meusel nimmt mit seinem Team der Soko Cold Case ungeklärte Tötungsdelikte und Vermisstenfälle unter die Lupe. © Polizei Göttingen

Seit 2019 gibt es in bei der Polizeidirektion Göttingen die Cold Case-Sonderkommission der Polizei. Die Beamten sind auch zuständig für ungeklärte Tötungsdelikte und Vermisstenfälle.

Northeim/Göttingen – Im Frühjahr 2014 wurde mitten in Uslar eine Babyleiche gefunden. Der Säugling lag in einer Plastiktüte am Straßenrand. Das neugeborene Mädchen wurde, das hatten die Obduktion damals ergeben, durch stumpfe Gewalteinwirkung getötet. Doch nahezu alle Ermittlungsansätze der Polizei verliefen damals ins Leere.

Aber vergessen ist das tote Baby nicht, sagt Kriminalhauptkommissar Heiko Meusel. Er leitet den Südverband der im Frühjahr 2019 bei der Polizeidirektion Göttingen ins Leben gerufenen Sonderkommission Cold Case und ist damit auch zuständig für den Landkreis Northeim.

Die Babyleiche von Uslar beschäftigt Meusel und seine Kollegen auch weiterhin – erst kürzlich ist die Sonderkommission bei ihren Ermittlungen auf einen wichtigen Hinweis gestoßen. Ob er bei diesem Fall für den Durchbruch sorgt, steht noch in den Sternen. Das getötete Baby von Uslar gehört zu vielen anderen, nicht aufgeklärten Tötungsdelikten in der Region in den vergangenen fast 60 Jahren. Zahlreiche dieser Fälle, von ihnen auch viele aus dem Landkreis Northeim, beschäftigen die Cold Case-Beamten aktuell. Der älteste Fall aus dem Kreis Northeim stammt aus dem Jahr 1964. Detaillierte Informationen zu einzelnen Fällen darf Meusel aber nicht erzählen – aus Rücksicht auf die Ermittlungen und auf die Angehörigen der Opfer.

Doch ein Fall, der damals öffentlich wurde, ist eine Tat aus Holzerode (Landkreis Göttingen) ganz in der Nähe von Gillersheim: Dort wird 1993 in der Nähe eines Feldweges eine zum Teil skelettierte, männliche Leiche gefunden. Die Ermittler gehen von einem Tötungsdelikt aus, doch die Identität des Toten bleibt ungeklärt.

Ein Gerichtsmediziner in Bonn bekommt von der Gerichtsmedizin in Göttingen daraufhin den Auftrag, mithilfe spezieller Techniken den Kopf des Leichnams zu rekonstruieren, um dem Toten „ein Gesicht“ zu geben. Der Bonner Kollege arbeitet dabei eng mit einem Theater in Bonn zusammen. Doch der nachgebildete Kopf kommt nie wieder in Göttingen an.

Der Grund: Der Gerichtsmediziner aus Bonn geht wenig später in den Ruhestand, zieht von Bonn nach Kiel und nimmt „seine“ Köpfe mit. Der unbekannte Tote aus Holzerode gerät erst mal in Vergessenheit – bis die Sonderkommission Cold Case in Göttingen die Akte auf den Tisch bekommt.

Als man weiß, dass der rekonstruierte Schädel inzwischen irgendwo in Kiel steht, schaltet das Göttinger Team das Landeskriminalamt ein. Der Gerichtsmediziner ist inzwischen verstorben. Als Beamte bei seiner Adresse klingeln und ihr Anliegen schildern, führt die Witwe des Mediziners die Polizisten in den Keller. Dort steht der gesuchte Schädel des Mordopfers von Holzerode – neben einigen anderen. „Die Frau war bestimmt froh, dass wir den Schädel abgeholt haben“, vermutet Meusel. Endlich können sich auch die Beamten in Göttingen ein Bild von dem Opfer machen. Die Ermittlungen dauern weiter an.

Viele Stunden verbringen Meusel und seine Kollegen übrigens mit dem Lesen von Akten. „Aktuell beschäftigen wir uns mit über 7000 Seiten“, sagt Meusel. Sie alle werden aktuell digitalisiert, um sie auch für die Nachwelt zu erhalten. Von sich selbst sagt Meusel, dass er sich regelrecht in den Akten „vergräbt“: „Man hofft ja immer, dass die Ermittler damals irgendwas übersehen haben und wir jetzt das entscheidende Detail finden, das uns den Fall auch noch nach vielen Jahren aufklären lässt.“

Jeder Fall, der auf den Schreibtischen der Cold Case-Ermittler landet, wird analysiert, bewertet, mit anderen Fachkommissariaten und der Staatsanwaltschaft besprochen und schlussendlich einer der drei Kategorien zugeordnet, in die die Tötungsdelikte oder auch Vermisstenfälle eingeteilt werden.

Kategorie 1 umfasst die Fälle, bei denen direkte Ermittlungsansätze gefunden werden und daher eine Aufklärung des Falls vielversprechend ist. In der Kategorie 2 landen die Fälle, bei denen die Polizeibeamten die Möglichkeit sehen, dass durch neue Ermittlungsmethoden sowie neue technische Möglichkeiten ein Erfolg erzielt werden könnte.

„Die Kriminaltechnik entwickelt sich immer weiter“, sagt Meusel. „Das eröffnet uns immer mehr Möglichkeiten, einen alten Mordfall vielleicht doch noch aufzuklären.“

Und in Kategorie 3 gehören die Fälle, bei denen laut Meusel „nichts mehr zu machen ist“. Soll heißen: Es gibt keine Asservate mehr wie zum Beispiel Fasern, Blut oder Ähnliches, die den Ermittlern bei ihrer akribischen Spurensuche weiterhelfen könnten. Diese Fälle landen dann im Archiv der Staatsanwaltschaft Göttingen.

Kriminalhauptkommissar Meusel, der vor ein paar Jahren noch als Kriminalbeamter in Northeim gearbeitet hat, sagt, dass er mit seiner Tätigkeit in der Cold Case-Sonderkommission seine Berufung gefunden hat. „Im Endeffekt sind wir die letzte Instanz, die die Fälle betrachtet und vielleicht später doch noch zu den Akten legt. Darum habe ich den persönlichen Anspruch, dass meine Kollegen und ich mit viel Fleißarbeit diese Fälle lösen können.“

Die Soko Cold Case ist bei der Polizeidirektion in Göttingen angesiedelt.
Die Soko Cold Case ist bei der Polizeidirektion in Göttingen angesiedelt. © Polizei Göttingen

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