Niemand soll vergessen werden

„Friert der Papa im Grab?“ - Betreuung trauernder Kinder und Jugendlicher

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Ein gebastelter Stein: Die Trauerbegleiterinnen Susanna Lenkewitz (links) und Isolde Ohlmer haben allerhand Ideen auf Lager.

Northeim. Wie hilft man einem Kind, das ein Elternteil verloren hat? Die Trauerbegleiterinnen des Northeimer Zentrums "Lutom - Liebe und Tränen ohne Mauern" können diese Frage beantworten.

Selbstgebastelte Kerzen stehen auf dem Boden, um sie herum sitzen in einem Kreis Kinder, vereinzelt Erwachsene. Aus einer Spieluhr erklingt eine Mozartmelodie und alle haben einige Minuten Zeit, an den Verlust eines geliebten Menschen zu denken. So beginnt eine Trauerstunde im Northeimer Zentrum „Lutom - Liebe und Tränen ohne Mauern“. Es besteht aus unterschiedlich gestalteten Räumen, die von Entspannung über Kreativität und Bewegung alles zulassen.

Susanna Lenkewitz, Leiterin des Zentrums, und die ehrenamtliche Kraft Isolde Ohlmer, begleiten die Trauerstunde mit Herz und Verstand. Als Trauerbegleiterinnen fangen sie das auf, was betroffene Familienmitglieder oft nicht können, vielleicht weil sie selbst mit der Situation überfordert sind. In einem zeitlichen Rahmen sind sie für die trauernden Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen da.

Kinder abholen, wo sie sind 

Alle zwei Wochen heißt es, sich zurückzunehmen und in Gruppensitzungen feinfühlig auf die Trauernden im Alter von fünf bis 25 Jahren einzugehen. Ohlmer macht die Kinder- und Jugendtrauerarbeit seit 2007 ehrenamtlich, neben ihrem Job als Betriebswirtin. Sie hat selbst drei Kinder und kam über ihre Freundin Susanna Lenkewitz zur Trauerbegleitung. Die Arbeit wurde ihr zur Herzensangelegenheit: „Es ist wunderbar, Kindern helfen zu können, die in einer besonderen Situation sind.“

Um als Trauerbegleiterin arbeiten zu können, absolvierte die heute 56-Jährige einen Vorbereitungskurs für Hospizbegleitung und einen weiteren Kurs zur Begleitung trauernder Kinder. In der Anwendung des Gelernten sammelte sie Erfahrung, die es ihr nun erleichtert, die Kinder dort abzuholen, wo sie sind.

„Niemand soll hier vergessen werden.“ 

Liebevolle Erinnerung: Mit den Kerzen wird zu Beginn einer jeden Trauerstunde der Toten gedacht.

Dafür wird gebastelt, gelacht, Musik gehört und gespielt. Und manchmal kommen dabei auch Fragen auf wie zum Beispiel „Friert der Papa im Grab?“ - Da sei dann genauso viel Feingefühl gefragt wie wenn es darum geht, den Bedürfnissen der Kinder auf die Spur zu gehen.

„Wenn ein Kind Bewegung braucht, dann gehen wir in den Toberaum oder auf den Spielplatz“, erzählt Ohlmer. „Manchmal schaltet es dann automatisch um und erkennt für sich: Jetzt habe ich genug getobt und brauche Entspannung.“ Das übergeordnete Ziel der Trauerbegleitung ist Verarbeitung.

„Niemand soll hier vergessen werden, nicht der Verstorbene und erst recht nicht der Trauernde selbst.“ Deshalb werde den Kindern und Jugendlichen Raum für die eigenen Gefühle gelassen, sagt Ohlmer. Und die können selbst Betroffene nicht immer verstehen: „Ein Kind darf auch mal sauer auf den toten Vater sein.“

Hintergrund

Das Zentrum „Lutom - Liebe und Tränen ohne Mauern“ ist an den Ambulanten Hospizdienst des Diakonischen Werkes Leine-Solling angegliedert. Deren Trauerbegleiterinnen kümmern sich um Kinder (bis 6 Jahre und 6-12 Jahre), Jugendliche (13-18 Jahre) und junge Erwachsene (18-25 Jahre) in einzelnen Gruppen. Eine Gruppensitzung dauert 1,5 bis 3 Stunden, pro Gruppe sind drei bis vier Begleiterinnen dabei.

Neben „Du fehlst mir“, der Gruppe für trauernde Hinterbliebene, gibt es „Gefühlschaos“, eine Gruppe für Kinder mit einem krebskranken Elternteil sowie Erlebnisaktionen („Trau dich“). Je nach Bedarf wird auch Einzelbegleitung angeboten.

www.trau-dich-netz.de und Tel. 0157-85 91 21 33

Von Anna Lischper

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