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Getränkehersteller im Landkreis Northeim sorgen sich um Zukunft

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Von: Rosemarie Gerhardy

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Brauchen Kohlensäure für ihre Arbeit bei der Uslarer Bergbräu: Braumeister Rainer Veeh (links) und Matthias Kreiter, Brauer und Produktionsleiter, am Gärtank für die Haupt- und Nachgärung.
Brauchen Kohlensäure für ihre Arbeit bei der Uslarer Bergbräu: Braumeister Rainer Veeh (links) und Matthias Kreiter, Brauer und Produktionsleiter, am Gärtank für die Haupt- und Nachgärung. © Frank Schneider

Erste Getränkehersteller in Bayern und Thüringen haben ihre Produktion wegen fehlender Kohlensäure bereits eingestellt. Aktuell laufen die Abfüllanlagen bei der Katlenburger Kellerei, im Einbecker Brauhaus und bei der Uslarer Brauerei Bergbräu noch. Bislang wurden auch noch keine Produkte aus dem Sortiment genommen. Aber die Sorgenfalten bei den Herstellern werden größer. Die Beschaffung der Kohlensäure werde immer schwerer und auch teurer.

Landkreis Northeim – Der Jahresbedarf der Katlenburger Kellerei liegt laut Klaus Demuth, Geschäftsführender Gesellschafter, bei rund 150 Tonnen. Aktuell habe man noch 20 Tonnen im Tank. Bislang hätte man alles wie geplant abfüllen können. Die nächsten zwei Wochen würden aber darüber entscheiden, ob man in Kürze die Produktion der kohlensäurehaltigen Getränke einstellen müsse. Zum Glück ginge es auf die Heißgetränkesaison zu, dafür brauche man keine Kohlensäure.

Der Bedarf an Kohlensäure ist immens, bestätigt auch Pressesprecher Ulrich Meiser vom Einbecker Brauhaus. Rund sechs bis sieben Tonnen pro Tag werden im Brauhaus benötigt und man bekomme nur etwa ein Drittel der bestellten Menge an Kohlensäure geliefert, aber man habe noch Vorrat.

Er gehe nicht davon aus, dass es in Einbeck zu einem Produktionsstopp kommen werde.

Auch Braumeister Rainer Veeh von der Uslarer Bergbräu berichtet, dass nur Mindermengen an Kohlensäure geliefert werden. Im Monat brauche man in Uslar circa 4000 bis 6000 Kilogramm. Für die kommenden drei bis vier Wochen habe man genügend Vorrat. Noch könnten alle Produkte hergestellt und abgefüllt werden. Auch wenn keine Kohlensäure mehr geliefert werde, habe er einen Plan, wie weiter produziert werden kann. Doch diesen will er nicht verraten.

Noch einen weiteren Aspekt des CO2-Mangels nennen die Brauereien. Sollte es kein Kohlendioxid mehr am Markt geben, könne auch kein Fassbier mehr in den Gaststätten ausgeschenkt werden. Denn dafür würde es ebenfalls gebraucht.

Obwohl bei der alkoholischen Gärung von Bier und Fruchtweinen neben Alkohol auch Kohlensäure entsteht, ist der Bedarf bei den Getränkeherstellern groß.

Die Kohlensäure „blubbert“ aus dem Getränk, diese kann dann aufgefangen werden, was aber eines großen technischen Aufwands bedarf, erklärt Klaus Demuth, Geschäftsführer der Katlenburger Kellerei. Denn die Kohlensäure müsse von den bei der Gärung entstandenen Aromen und Gerüchen befreit, also gereinigt werden. Anschließend müsse die Lagerung unter hohem Druck erfolgen.

All dies erfordere entsprechend umfangreiche Technologien und maschinelle Anlagen. Das Investitionsvolumen könne grob auf eine Million Euro beziffert werden. Anlagenhersteller nennen laut Demuth die Mindestmengen an vergorenen Produkten auf circa 500 000 Hektoliter, damit sich die Kohlensäurerückgewinnung lohne.

Das Volumen der Katlenburger Kellerei liegt bei circa 200 000 Hektoliter im Jahr. Bis zu diesem Jahr habe eine solche Investition noch in keinem Verhältnis zu den Kosten gestanden, so Demuth.


Noch laufen die Abfüllanlagen, und das soll laut Einbecker Brauhaus auch weiterhin so bleiben.
Noch laufen die Abfüllanlagen, und das soll laut Einbecker Brauhaus auch weiterhin so bleiben. © Einbecker Brauhaus

In der Einbecker Brauerei lag der jährliche Absatz 2021 bei 479 000 Hektoliter. Hier verfügt man laut Pressesprecher Ulrich Meiser über eine Kohlensäure-Rückgewinnungsanlage. Aber trotzdem müsse man Kohlensäure zukaufen, da beispielsweise Produkte mit hohem Limonadenanteil, wie Radler, aufgesprudelt werden müssen. In Katlenburg braucht man die Kohlensäure nicht nur für die perlenden Apfel- und Fruchtweingetränke, sondern wie im Einbecker Brauhaus und bei der Uslarer Bergbräu auch zum sogenannten Vorspannen (Vorfüllen) der Tanks und der Flaschen.

Die Kohlensäure sei ein Nebenprodukt der Düngemittelherstellung, erklärt Meiser, die Zusammenhänge. Hier werde aber gerade wenig produziert, das habe wohl mit den hohen Energiekosten zu tun.

Wie hart umkämpft die wenige Kohlensäure auf dem Markt ist, macht Demuth deutlich. Der Lieferant, mit dem die Katlenburger Kellerrei im engen Austausch stehe, habe mitgeteilt, dass die Lieferungen nicht mehr gesichert seien und man sich trotz festen Kontrakts auch bei anderen Anbietern eindecken könne.

„Das ist eher ein Witz“, so Demuth, denn es gebe keinen Anbieter, der derzeit zusätzliche Mengen abgeben könne. Es könne also zu einem Lieferausfall auf unbestimmte Zeit komme. Damit sei dann ein Abfüllen von perlenden Getränken nicht mehr möglich.

Einher gehen große Kostensteigerungen. „so eine Kostenexplosion habe ich in meinen 34 Berufsjahren noch nicht erlebt“, macht Meiser den Umfang deutlich. Auch wenn es im Einbecker Brauhaus aktuell noch keine konkreten Planungen gebe, müsse mit Preissteigerungen bei Bier gerechnet werden.

Der Mangel an Kohlensäure für die Getränkeindustrie war auch ein sehr großes Thema auf der Getränketechnologiemesse Drinktec, die in der vergangenen Woche in München stattfand, gewesen“, berichtet Demuth von den Sorgen, die die ganze Branche betreffen. (Rosemarie Gerhardy)

Was ist Kohlensäure?

Kohlensäure (H2CO3) eine Verbindung von Wasser (H2O) und Kohlendioxid (CO2). Bei der Produktion von Getränken benötigen die Hersteller in der Regel zusätzliches Kohlendioxid. Es wird zum einen den Getränken zugesetzt (Karbonisierung), zum anderen ist es für die Befüllung der Flaschen (Vorspannen) erforderlich. Die leeren Flaschen werden dabei unter Druck gesetzt, erst dann kann das mit Kohlensäure versetzte Getränk ohne Aufschäumen in die Flasche gefüllt werden. (rom)

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